BioStadt Bremen

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

viel wurde auf diesem Blog schon zur Frage veröffentlicht (z.B. hier), warum es durchaus sinnvoll sein kann, Bio-Lebensmittel zu produzieren, zu verarbeiten und zu genießen.

Ab und zu wurde aber auch auf Probleme von Bio-Produkten hingewiesen. Denn die gibt es selbstverständlich auch. Und dabei handelt es sich nicht nur um Imageprobleme der „Ökos“ oder „Lohas“, Gruppen, die schnell als verbohrt und lustfeindlich wahrgenommen werden.

Nein, bei den Problemen, die hier gemeint sind, handelt es sich um echte Strukturprobleme, um „soziale Tatbestände“ (Durkheims faits sociaux), die den Einzelnen in seinen Handlungsentscheidungen genauso einschränken können, wie physikalische Tatbestände.

Einige dieser Probleme möchte die Stadt Bremen jetzt angehen. Und zwar mit dem Projekt BioStadt Bremen, das die Förderung regionalen Bios zum Ziel hat. Vorbild ist die Biostadt München. Die Bremer Bio-Manufaktur, die schon immer auf regionales Bio gesetzt hat, wünscht gutes Gelingen!

Aber der Reihe nach: von was für Problemen ist die Rede und wie sehen die Lösungsansätz der BioStadt Bremen aus?

Da ist zum einen das Problem, dass die Erwartungen der Verbraucher und die Garantien, die das staatliche Bio-Siegel geben kann, auseinanderdriften.

Die Anfänge des heutigen Bio-Landbaus, die man auf die 20ger Jahre des 20. Jahrhunderts datieren kann, wurden von Menschen mit starken Überzeugungen entwickelt und vorangetrieben. Der Demeter-Verband z.B. wurde gegründet, um die anthroposophischen Ideen umzusetzen, die Rudolf Steiner im Jahr 1924 in seinem „Landwirtschaftlichen Kurs“ skizziert hatte. Der Bioland-Verband, heute der größte Bio-Verband in Deutschland, geht auf den schweizer Biologen Hans Christian Müller zurück, der aber auch in der „Schweizerischen Bauernheimatbewegung“ und im „Verein abstinenter Schweizer Bauern“ aktiv war.

Gemeinsam ist den Pionieren des Bio-Landbaus häufig, dass sie nicht nur umfassend wissenschaftlich informiert waren, sondern auch ein Wertesystem vertraten, das über das wissenschaftlich Begründbare weit hinausging. Sie betrachteten den Bio-Landbau nicht als Geschäft, sondern als Verpflichtung. Eine lokale, nachhaltige, umweltschonende und sozialverträgliche Produktionsweise war für sie eine Selbstvertändlichkeit.

Inzwischen ist Bio zur Massenware geworden. Die gestiegene Nachfrage ließ Akteure in den Markt drängen, die in der Bio-Produktion hauptsächlich Gewinnchancen sahen, die ethischen Überzeugungen aber nicht teilten. Der Bio-Begriff drohte zu einem Marketinginstrument zu verkommen. Als Reaktion darauf wurde im Jahr 1991 die „Verordnung (EWG) Nr. 2092/91“ erlassen, die 2007 von der aktuell gültigen „EG-ÖkoBasisverordnung (EG) Nr. 834/2007″ abgelöst wurde (im folgenden als „EU-Öko-Verordnung“ bezeichnet). Im Jahr 2008 kamen einige Durchführungsbestimmungen hinzu (alles hier einsehbar). In diesen Verordungen wurden Mindeststandards festgelegt, die alle Anbieter erfüllen müssen, wollen sie den Bio-Begriff verwenden. Dazu wurde auf diesem Blog bereits einiges veröffentlicht – z.B. hier.

Nun weiß jeder, der schon einmal mit Kollegen zusammenarbeiten musste, die „Dienst nach Vorschrift“ machen, dass Vorschriften eine innere Beteiligung nicht ersetzen können. Wer in Bio nur ein Geschäft wie jedes andere sieht, wer damit keine innere Überzeugung verbindet, der wird natürlich jedes Schlupfloch und jede Unklarheit ausnutzen, um die Kosten zu drücken (was auf diesem Blog bereits diskutiert wurde). Und so garantiert das Bio-Siegel eben nur die explizit in den Vorschriften genannten Bedingungen, wie z.B. den Verzicht auf bestimmte Pestizide und Gentechnik, aber weder besondere Sozialstandards und schon gar keine Qualitätsversprechen. Ein schonender Umgang mit Ressourcen wird zwar angestrebt, aber z.B. die Länge der Transportwege wird nicht geregelt und so kann ein Bio-Apfel, der auf dem deutschen Markt gehandelt wird, durchaus auch aus China stammen.

Und wenn Martin Günthner, der Bremer Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen formuliert, Bio sei „ein Synonym für ‚Nachhaltigkeit‘, ‚bewusster Konsum‘,
‚gesunde Ernährung‘, ‚regional‘ und ‚Fairness'“, so beschreibt er sicher die Verbrauchererwartungen, nicht aber die Realität der EU-Öko-Verordnung.

Wer allerdings regionales Bio kauft, kommt dem Ideal des Senators deutlich näher. Es gelten deutsche Sozialstandards, es gibt kurze Transportwege, es gibt die Chance zum persönlichen Kontakt zwischen Produzenten und Verbrauchern etc..

Das Projekt „BioStadt Bremen“ hat deshalb das Ziel formuliert, die Bio-Landwirtschaft in Bremen und Umgebung zu stärken und den Verbraucher besser zu informieren, über die lokalen Produzenten und die Verfügbarkeit der Produkte. Gelänge das, wäre es sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Man könnte sich jetzt natürlich fragen, warum die EU-Öko-Verordnung nicht so verschärft wird, dass sie den Erwartungen der Konsumenten weiter entgegenkommt. Damit kommen wir zu einem anderen Problem, das zwar die Grundlagen mit unserem ersten Problem teilt – die Entstehung eines internationalen Bio-Massenmarktes und die Reaktion darauf – aber ganz entgegengesetzte Konsequnzen hat.

Um zumindest einige Mindeststandards garantieren zu können, sind die Vorschriften der EU-Öko-Verordnung und die ihr folgenden Durchführungsbestimmungen recht komplex und ihre Einhaltung setzt einen beträchtlichen Einsatz an organisatorischen, personellen und finanziellen Ressourcen voraus. Das hat zur Folge, dass gerade die Betriebe, bei denen nicht das Gewinnstreben sondern der Enthusiasmus im Vordergrund steht, Betriebe, die nicht jeden Ablauf auf Effizienz trimmen (wollen), sich eine Zertifizierung häufig nicht leisten können. Besonders von  Gastronomiebetrieben, die zumeist nur von der Begeisterung und der Selbstausbeutung der Inhaber leben, ist diese zusätzliche Last kaum zu stemmen. Weitere Vorschriften – etwa zu Sozialstandards oder Qualitätsanforderungen – würden auch einen höheren Kontrollaufwand bedeuten – und damit höhere Kosten. Ausgerechnet kleineren Produzenten, deren Überzeugungen und Handlungen noch mit denen der Gründergeneration vergleichbar sind, könnte das schaden.

Hinzu kommt, dass die Verfügbarkeit von regionalem Bio begrenzt ist. Und so kann es eben deutlich nachhaltiger sein, z.B. die Quitte aus der Region zu verwenden, obwohl sie nicht bio-zertifiziert ist, anstatt der Bio-Quitte aus Südfrankreich oder gar Südafrika. Wer auf Nachhaltigkeit achten möchte, aber bio-zertifiziert ist, hat dann ein Gewissensproblem. Zwar ist die Bio-Teilumstellung eines Betriebes möglich, aber dann ist (zurecht) eine strikte Trennung von Lagerung und Herstellung konventioneller- und Bio-Waren – mit entsprechender Protokollierung – gefordert; ein Prozess, der zusätzlichen Ressourcenaufwand erfordert.

Man darf gespannt sein, inwieweit das „BioStadt Bremen“ Projekt hier Abhilfe schaffen kann. Ein breiteres Angebot an Bio-Waren aus der Region, bessere Lieferketten, zentral zugängliche Informationen über die gerade verfügbaren Lebensmittel, Unterstützung bei der Zertifizierung… das alles wäre denkbar und würde sicher helfen.

Ein letzter Punkt in unserer kleinen und sicher nicht erschöpfenden Problemliste: Die Preise der Bio-Waren. Denn die sind im Durchschnitt höher, als die Preise konventionell hergestellter Waren. Besonders dann, wenn es sich um Verbandsbio handelt, also um Waren, die zusätzlich noch von einem Bio-Verband wie Demeter oder Bioland zertifiziert wurden.

Nun lässt sich bei diesem Thema viel über den deutschen Verbraucher mit seiner „Geiz ist geil“-Mentalität sprechen und  darüber, dass z.B. in Frankreich ein deutlich größerer Einkommensanteil für Lebensmittel ausgegeben wird. Man kann darüber reden, dass die billige Massenproduktion von Lebensmitteln Folgen hat wie die Entstehung multiresistenter Keime, wie Allergien und Bodenerosion; Folgen, für die am Ende wieder die Gemeinschaft aufkommen muss, z.B. über steigende Krankenkassenbeiträge.

Das ist alles richtig. Aber richtig ist auch, dass Menschen mit niedrigem Einkommen immer einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssen. In einer Stadt wie Bremen, mit einer Armutsrisiko-Quote von ca. 23% und einer Arbeitslosenquote von immer noch knapp 11%, sind Lebensmittelpreise ein echter Faktor. Wenn z.B. ein erwachsener ALG II (vulgo Hartz IV) – Empfänger laut Regelsatz etwa 135 Euro im Monat für Lebensmittel zur Verfügung hat (Kinder deutlich weniger – warum auch immer), dann kann man sicher sein, dass die zugrundeliegende Bedarfsberechnung von den Angeboten der Lebensmitteldiscounter ausgegangen ist.

Wie also stellen wir Menschen mit geringem Einkommen trotzdem Bio-Lebensmittel zur Verfügung. Mit dieser Frage möchte sich das Projekt „BioStadt Bremen“ explizit auseinandersetzen. Die Versorgung von Schulen und Kindertagesstätten mit regionalem Bio soll gefördert werden – das ist ein Anfang. Auch helfen sicher bessere Verbraucherinformationen: welches Produkt hat Saison und ist aus der Region verfügbar (und damit relativ günstig)? Wo bekomme ich es? Was kann ich mit solchen Produkten anfangen?

Bestimmt lassen sich noch viele weitere Möglichkeiten identifizieren, wie ein politisches Projekt wie „BioStadt Bremen“ die lokale Bio-Wirtschaft fördern kann. Wir von der Bremer Bio-Manufaktur werden das Projekt mit Interesse und – wenn gewünscht – auch mit Rat und Tat begleiten.

Nachdem so viel Positives gesagt wurde, muss nun etwas Wasser in den Wein. Denn zur Wahrheit des „BioStadt Bremen“ Projektes gehört es auch, dass es schon seit dem Jahr 2009 existiert. Echte Folgen hatte es bisher – keine. Nun hat sich die Zuständigkeit geändert und immerhin gibt es inzwischen ein Logo und eine Homepage (oben verlinkt) sowie einige Initiativen in der Planungsphase. Hoffen wir das Beste!

 

 

 

 

 

 

 

 

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Slow Food Messe in Stuttgart

Kaffee mit Zitrone
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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

am Sonntag endete die Slow Food Messe in Stuttgart. Ich hatte dort die Gelegenheit, ein sogenanntes „Geschmackserlebnis“ durchzuführen mit dem Titel „Spiel der Aromen – auf den Spuren von Harmonie und Dissonanz„.

Das Konzept dieser Veranstaltung geht zurück auf einen meiner Blogbeiträge mit dem Titel „Kochen mit Harmonie und Tiefe„. Eines der Experimente, die wir dort durchgeführt haben, wurde bereits in diesem Beitrag skizziert, nämlich die Kombination von Kaffee und Zitrone. Regelmäßige LeserInnen dieses Blogs hatten also schon Vorabinformationen 🙂

Das Publikum war sehr interessiert und blieb auch freundlich, als es von mir mit der Geschmackskombination Schokolade mit Knoblauch traktiert wurde. Vielen Dank dafür!

Insgesamt war die Slow Food Messe, die unter dem Namen „Markt des Guten Geschmacks“ in den Hallen 5 und 7 beheimatet war, eine sehr gelungene Veranstaltung. Besonders hat mich die „Vinothek“ beeindruckt, bei der man hunderte (oder so) von deutschen Weinen im offenen Ausschank angeboten bekam. Müsste man nicht arbeiten…

Ich freue mich schon aufs nächste Jahr!