Regionalität und Vertrauen

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

was kann man noch guten Gewissens essen?, fragt sich der verwirrte Verbraucher und entlastet sich dann, indem er platonische Beziehungen, mal mit diesem Siegel, mal mit jenem Qualitätsversprechen eingeht. Neuerdings setzen viele ihr Vertrauen in Regionalität. Zurecht?

Wenn sich der moderne Mensch die Frage „was tun?“ stellt, sucht er Hilfe bei der Wissenschaft.

Allerdings haben wissenschaftliche Theorien einen großen Vorteil aber auch ein großes Problem. Interessanterweise bestehen Vorteil und Problem der Theorien aus demselben Sachverhalt. Grob gesagt: sie sind falsch.

Durch neue empirische Ergebnisse, neue und überzeugendere theoretische Überlegungen oder ganz neue wissenschaftliche Ansätze werden die Theorien ständig verändert, bis sie runderneuert sind oder an ihren inneren Widersprüchen zugrunde gehen.

Ganze wissenschaftliche Paradigmen – also große Welterklärungsmodelle – gehen diesen Weg, wie z.B. Thomas Kuhn gezeigt hat. Nicht auszuschließen – um mal ein Beispiel zu nennen -, dass in hundert Jahren kein Physiker mehr von „Atomen“, sondern alle nur noch von „Strings“ sprechen.

Diese evolutionäre Dynamik hat die Wissenschaft etwa religiösen Erklärungsmodellen voraus und ist Grundlage ihres rasanten Erfolges. So war z.B. bereits im 16., spätestens im 17. Jh. das heliozentrische Weltbild unter Astronomen als Paradigma fast unumstritten, während die katholische Kirche bis 1822 brauchte, bis sie die positive Erwähnung dieses Weltbildes in ihren Schriften nicht mehr verbot.

Auf der anderen Seite ist die permanente Vorläufigkeit wissenschaftlicher Theorien nur schwer zu ertragen. Öffentlich auftretende Wissenschaftler sprechen zumeist von ihren Theorien, als würden sie Fakten referieren. Und meistens sagen sie nicht dazu, dass sie mit solchen Formulierungen den wissenschaftlichen Diskurs strenggenommen verlassen und nur noch persönliche Überzeugungen äußern.

Auch dem wissenschaftlich Beratenen – etwa einem Politiker oder dem Verbraucher – mag der Gedanke daran, auf welch wackligem Fundament er sich bewegt, Unbehagen bereiten. Als religiöse Dogmen noch zählten, hatten es Politiker und Verbraucher leichter.

Sie werden vielleicht einwenden: aber was ist mit dem heliozentrischen Weltbild? Ist das nicht wahr – und die Kirche hatte bis 1822 objektiv unrecht damit, starrsinnig das geozentrische Weltbild zu verteidigen? Keineswegs. Denn wenn man die Erde einfach als Fixpunkt annimmt – und wer sollte das verbieten -, kreist die Sonne ja tatsächlich um die Erde. Man betrachte nur mal das Modell des dänischen Milliardärs und Starastronomen Tycho Brahe, das er 1588 veröffentlichte (Tychonisches Weltmodell). Man muss schon mit Isaac Newton einen absoluten Raum annehmen, um das Tychonische Modell als falsch darstellen zu können. Eine von Newtons schwächeren Argumentationen, die mit Einstein – noch so ein Paradigmenwechsel – ohnehin obsolet wurde.

Warum hat sich das heliozentrische Weltbild in der Wissenschaft aber so schnell durchgesetzt? Weil dieselben Phänomene (nämlich die beobachtbaren Bewegungen von Himmelskörpern) mit diesem Modell viel einfacher beschrieben und theoretisch erfasst werden konnten. Es ist also der reine Pragmatismus. Und das zurecht – denn wenn wissenschaftliche Theorien ohnehin falsch sind, kann man sie auch gleich danach beurteilen, inwiefern sie das menschliche Handeln und Denken erleichtern – also kurz gesagt nach ihrer Problemlösungskapazität. Und tatsächlich gibt es ja die wissenschaftsphilosophische Strömung des Pragmatismus (und dann des Neopragmatismus, etc.), die eine solche Position vertritt. Ich gebe zu, ich bin ein Anhänger.

Ich unterbreche hier, denn ich sehe vor mir, wie Sie unruhig mit den Füßen scharren, noch einmal einen Blick auf die Überschrift werfen, feststellen, dass sie tatsächlich „Regionalität und Vertrauen“ lautet, und sich fragen, ob hier vielleicht der falsche Text unter der richtigen Überschrift steht. Und Sie teilen den Verdacht der Alice-im-Wunderland Raupe: „it is wrong from beginning to end“.

Auf Ihre unausgesprochene Frage hin werde ich zugeben müssen, dass der Zusammenhang zwischen Text und Überschrift bisher tatsächlich so wenig deutlich wird, dass man nicht einmal von einer Einleitung, eher vielleicht von einer Vorrede sprechen kann.

Und Sie werden denken: „selbst Kant ist bei seiner Vorrede zur zweiten Auflage der ‚Kritik der Reinen Vernunft‘ schneller auf den Punkt gekommen – und der hatte wirklich etwas zu sagen“; oder Sie denken „na gut, nicht jeder ist ein Schiller, der in der  ‚Bürgschaft‘ mit den Zeilen

‚Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande‘

eine Vorrede hinlegen konnte, für die geringere Autoren ganze Kapitel brauchen – aber man kann es auch übertreiben!“

Sie haben natürlich recht – aber ich kann immerhin anführen, dass Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ etwa vier Seiten „Vorrede“ benötigt um darzulegen, dass einem philosophischen Werk im Grunde eine Vorrede ganz unangemessen ist – um dann noch etwa fünfzig Seiten Vorrede folgen zu lassen. Seine kursorische Rationalisierung dieser Vorrede kann kaum darüber hinwegtäuschen (und soll es wahrscheinlich auch nicht), dass es sich dabei in Wirklichkeit um reines Schelling-Bashing handelt. Sollte Sie die unten gelieferte Rationalisierung meiner etwas länglichen Vorrede ebenfalls nicht überzeugen, seien Sie zumindest versichert, dass sie nicht ähnlich sinister motiviert ist – und üben bitte entsprechend Nachsicht!

Weiter kann ich zu meiner Verteidigung anführen, dass alles bisher Gesagte durchaus relevant ist – auch für die folgenden Zeilen, die sich dann wirklich mit Regionalität und Vertrauen beschäftigen. Und dass ich einiges weggelassen habe, was ich eigentlich gerne noch hinzugefügt hätte – z.B. eine Lektüreempfehlung (Pierre Duhems Sauver les Phénomènes. Essai sur la Notion de Théorie Physique de Platon à Galilée von 1908 – auch auf englisch erhältlich: To save the phenomena, an essay on the idea of physical theory from Plato to Galileo. Chicago: University of Chicago Press, 1969. Wegen der Genialität des Textes einerseits und dessen unprätentiöser Verständlichkeit andererseits). Oder die Darlegung, warum die oben dargestellte wissenschaftstheoretische Position nicht in eine skeptizistische Aporie mündet (nämlich diese: der Satz „es gibt keine Wahrheit“ ist entweder wahr – dann ist er offensichtlich falsch, oder er ist falsch – dann ist er auch falsch. Auflösung: die pragmatische Position benötigt die Annahme nicht, dass es keine Wahrheit gibt) – vielleicht mit einem Verweis auf die Duhem-Quine-These. Aber all das erspare ich Ihnen, weil es ja eigentlich nicht zum Thema gehört.

Denn unser Thema ist Regionalität. Das Slow Food Magazin hat in seiner letzten Ausgabe (04/2015) ein Dossier zu regionalen Lebensmitteln veröffentlicht. Dieses Dossier ist die Reaktion auf einen Trend: Verbraucher präferieren zunehmend Lebensmittel regionaler Herkunft.

Es kursiert bereits der Satz „regional ist das neue bio“. Aber ist da etwas dran? Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?

Die CSU möchte neuerdings die bayrische Herkunft eines Lebensmittels mit Bio gleichstellen, wenn es um die Vergabe von Qualitätspunkten geht, die darüber entscheiden, welcher Restaurationsbetreiber eine Zulassung z.B. zum Oktoberfest bekommt.

Allerdings liest man ebenfalls die Nachricht, dass die niederbayrische Firma „Bayern-Ei“, nach der Feststellung massiver Hygiene- und Tierschutzmängel, die Zulassung verliert und deshalb ihre Eier, die ja zweifellos bayrischer Herkunft sind, nicht mehr in den Handel bringen darf. Man kann sich vorstellen, welche legalen und halb-legalen Grenzen die Firma „Bayern-Ei“ schon ausgereizt hat, bevor es zum Verbot kam. Völlig legal – weil sachlich richtig – konnte die Firma zu jedem Zeitpunkt behaupten, Eier aus der Region Bayern zu führen.

Und so sind sich im Slow Food Magazin alle einig – Regionalität allein ist kein Gütekriterium. Im Interview betont Robert Hermanowski, der das regional-Siegel „Regionalfenster“ mitentwickelt hat: „Das Regionalfenster ist kein Siegel für Qualität. […] Wer besondere Qualität will, kauft bio!“ Und er sagt: „…es geht weniger um Regionalität im engeren Sinne, sondern um Authentizität – oder nennen wir es Verantwortung. Regionalität ist nur ein Hilfsbegriff. Ich möchte auf jemanden treffen, der für sein Handeln die Verantwortung übernimmt.“

Ich denke, damit sind die beiden Aspekte angesprochen, bei denen Regionalität wirklich sinnvoll ist.

Das ist einmal im Bio-Bereich. Es ist schon an anderer Stelle in diesem Blog angesprochen worden, dass die Entwicklung des Massenbio gerade die Produzenten in die Enge treibt, die noch nach den ursprünglichen Idealen der Bio-Bewegung produzieren. Verantwortung für die Region, für die Natur aber auch eine soziale Verantwortung spielten eine Rolle – und tun es für viele lokale kleine und mittelständige Unternehmen nach wie vor. Diese Produzenten zu unterstützen indem man gezielt bei ihnen kauft, ist sinnvoll.

Zweitens ist Regionalität dann sinnvoll, wenn man die Produzenten persönlich kennt – z.B. vom lokalen Wochenmarkt oder weil man den Bauernhof besucht hat. Diese Bindung zwischen Produzent und Konsument ist ja nur im regionalen Bereich möglich – und sie schafft Vertrauen.

Und hier fangen die Probleme an. Denn der Regionalbegriff steht, wie das Slow Food Magazin richtig konstatiert, im Grunde für den Wunsch des Verbrauchers nach Strukturen, in denen Vertrauen wieder mehr Gewicht erhält. Er kann diese Strukturen aber keineswegs garantieren. Er verspricht also etwas, das er nicht halten kann. Mittelfristig wird Vertrauen so aber zerstört, was auch Auswirkungen auf die beiden genannten Bereiche – regionales Bio und direkter Kontakt – haben wird, bei denen das Vertrauen in den Regionalitätsbegriff durchaus gerechtfertigt ist.

Was also ist zu tun?

An dieser Stelle möchte ich nun auf meine wissenschaftstheoretische Vorrede zurückkommen. Sie soll nämlich verhindern, dass Sie mir reihenweise von der Fahne gehen, wenn ich jetzt einen Gedanken Niklas Luhmanns einführe.

Denn die Systemtheorie luhmannscher Prägung ist zweifellos überholt und wird nur noch von ein paar unentwegten Bielefeldern ernsthaft vertreten.

Aber, so möchte ich argumentieren, darauf kommt es nicht an. Wenn eine These einen Aha-Effekt auslöst, wenn sie dabei hilft, ein Problem zu verstehen und in den Griff zu kriegen, dann leistet sie alles, was man von einer guten wissenschaftlichen These erwarten kann.

Die These lautet: Macht und Vertrauen sind funktional äquivalente symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien.

Das klingt erstmal nicht sehr eingängig – auch der Aha-Effekt bleibt zunächst aus. Aber die These ist tatsächlich ziemlich einfach. Es geht dabei um das Gelingen von Kommunikation über einen eingeschränkten Kontext hinaus. In unserem Fall sollen Kaufentscheidungen beeinflusst werden, indem der Begriff der Regionalität verwendet und damit Vertrauen vermittelt wird. Da Vertrauen ein Gefühl ist, aber ein Gefühl natürlich nicht in eine Kommunikation (z.B. über Sprache oder Bilder) verpackt werden kann, wird Vertrauen nur symbolisiert (durch das Wort „Regional“, durch das Bild vom glücklichen Schwein etc.). „Generalisiert“ bedeutet, dass der Händler oder Produzent ein Symbol verwenden und davon ausgehen kann, dass es der Kommunikationsempfänger auf die gleiche Weise versteht, wie er es gemeint hat.

Macht kann ebenfalls als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium verstanden werden. Wenn die Macht z.B. durch den Ausdruck „staatlich geprüft“ symbolisiert wird – oder durch ein Bio-Siegel.

Warum aber sollen Macht und Vertrauen funktional äquivalent sein? Nun, beide sind z.B. dazu in der Lage, Kaufentscheidungen zu beeinflussen – und darum geht‘s hier ja.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: staatlich ausgeübte Macht hat eine ziemlich stabile Basis. Zumindest in einem Rechtsstaat europäischer Prägung. Denn es werden ja tatsächlich Lebensmittel aus dem Verkehr gezogen, wenn sie staatlichen Bestimmungen nicht entsprechen. „Bayern-Ei“ ist ein Beispiel.

Vertrauen als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, ist dagegen ständig gefährdet. Wird z.B. die Authentizitätserwartung, die mit dem Regionalitätsbegriff verbunden wird, häufiger nicht erfüllt, verschwindet das Vertrauen und es kann kommunikativ nicht mehr transportiert werden.

Dieser Verfallsprozess lässt sich aufhalten, indem die reine Vertrauenskommunikation auf Machtkommunikation umgestellt wird. Es gibt dafür ein gutes Beispiel – den „Bio“ Begriff. Er kann stabil kommuniziert werden, weil ein staatlich kontrollierter Apparat auf Abweichungen mit Sanktionen reagieren kann.

Es hat beim „Bio“-Begriff eine Weile gedauert, bis er durch gesetzliche Regelungen gestützt wurde. Aber der Begriff der Regionalität wird diesen Weg ebenfalls gehen müssen – oder er wird scheitern. Das Regionalfenster, mit dem ein bestimmtes Einzugsgebiet garantiert wird, einfach zu verstaatlichen, wird dabei nicht weiterhelfen, denn mit dem Regionalitätsbegriff wird ja viel mehr kommuniziert, als eine Kilometerangabe. Es müssen also weitere, kontrollierbare und kontrollierte Standards hinzukommen – und sie müssen von staatlichen Stellen durchgesetzt werden können.

Wie steht es also mit dem Satz: „regional ist das neue bio“? Auf rein deskriptiver Ebene ist er nicht ganz falsch, denn tatsächlich wirken hier funktional äquivalente Mechanismen. Das Vertrauen in den Regionalitätsbegriff und die Kontrolle der Bio-Auszeichnung – beides beeinflusst die Kaufentscheidung in ähnlicher Weise. Bedenkt man allerdings die Fragilität des einen und die Stabilität des anderen Begriffs, kann man den Satz mit guten Gründen anzweifeln.

Völlig unsinnig (oder wie es Robert Hermanowski im erwähnten Interview formuliert: „Das ist Quatsch!“) wird der Satz, wenn man die normative Ebene betrachtet. Die Einhaltung der Werte, für die der Bio-Begriff steht, kann der Regionalitätsbegriff in seiner jetzigen Ausprägung nicht annährend in ähnlicher Weise garantieren.

Die Einsicht in diese drei Vergleichsstufen zwischen Regionalitäts- und Biobegriff zu gewinnen, ist Luhmanns Theorie, mit ihrer ständigen Suche nach funktionalen Äquivalenzen, recht nützlich gewesen. Was will man mehr?

Denn diese Erkenntnis kann man ins Feld führen, wenn z.B. die CSU (aus naheliegenden klientelpolitischen Motiven), weiterhin die Gleichsetzung von Regionalität und Bio betreiben möchte.

Und man kann daraus ableiten was geschehen muss, damit der Regionalitätsbegriff tatsächlich einmal den gleichen Stellenwert verdient, wie der Biobegriff.

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