Harmonie und Tiefe revisited

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

ungewöhnliche, überraschende und kreative Geschmackserlebnisse erschaffen, dazu braucht man eine geeignete begriffliche und konzeptionelle Grundlage. Denn bei der Fülle verfügbarer Lebensmittel geht die Anzahl von Kombinationsmöglichkeiten gegen Unendlich, so dass bloßes  Herumprobieren jahrzehntelang ergebnislos verlaufen könnte.

Dem Wohlgeschmack eine begriffliche Schneise zu schlagen, das ist die Aufgabe kulinarischer Konzepte.

Harmonie und Tiefe

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich mein kulinarästhetisches Konzept der kommunizierenden Geschmacksräume hier vorgestellt habe.

Einige Diskussionen, Veranstaltungen und Vorträge später habe ich das Gefühl, dass ich einige meiner Vorschläge etwas ausführlicher erläutern sollte. Das werde ich nach und nach tun. Ich fange damit an, mich gegen ein alternatives Konzept abzugrenzen, das eine ähnliche Zielrichtung verfolgt wie meins.

Zur Erinnerung: Ich hatte die Vermutung geäußert, bei der Kreation eines Geschmackserlebnisses sei es sinnvoll, sich an den Konzepten „Harmonie“ und „Tiefe“ zu orientieren, wobei mit „Harmonie“ die Anschlussfähigkeit der einzelnen Komponenten des Geschmackserlebnisses untereinander bezeichnet wurden, mit „Tiefe“ die Menge der unterschiedlichen Geschmacksräume, die in dem Geschmackserlebnis zusammengestellt wurden.

Seit meinen ersten Überlegungen in dieser Richtung habe ich das Konzept ständig weiterentwickelt. Nicht alle diese Überlegungen sind bereits in Blogbeiträge eingeflossen. Zum Verständnis des folgenden genügen aber hoffentlich die hier gemachten Andeutungen und vielleicht die Lektüre dieses und/oder dieses Beitrags.

Gegenkonzept

Gegen meinen Ansatz, der auf den Konzepten von Harmonie und Tiefe aufbaut, wird immer mal wieder eingewendet, es wäre überflüssig, denn es gäbe doch bereits eine kulinarische Zielbeschreibung, die auf vier Komponenten beruhe: Klarheit, Intensität, Balance und Komplexität.

  • „Klarheit“ beschreibt den Anspruch, einen bestimmten natürlichen Geschmack möglichst unverfälscht und einfach zu präsentieren – also sollten z.B. Karotten ein optimales Karottenaroma aufweisen.
  • „Intensität“ beschreibt den Anspruch, die Aromen, etwa einer Karotte, in ihrer ganzen Fülle hervortreten zu lassen.
  • Mit „Balance“ wird eine Ausgewogenheit der verwendeten Aromen bezeichnet.
  • „Komplexität“ bezeichnet den Anspruch, eine möglichst große Vielfalt an Aromen zu präsentieren.

Mit diesen vier Konzepten, so die Auffassung, ließe sich doch bereits beschreiben, wie ein Geschmackserlebnis aufgebaut wird. Wozu also ein neuer Ansatz?

Nun sind theoretische Überlegungen, oder auch praktische Übungen zu einem Gegenstand, immer ein Akt der Komplexitätsreduktion.

Und der von mir vertretene Ansatz der Kulinar-Ästhetik geht davon aus, dass eine Komplexitätsreduktion einem Gegenstand dann angemessen ist, wenn sie Grundlage eines erfolgreichen Handelns werden kann.

Wer sich also mit dem Vier-Komponenten-Ansatz wohlfühlt und ihn mit Gewinn anwenden kann, dem sei es unbenommen, sich weiter daran zu orientieren.

Ich habe allerdings einige Argumente dafür, warum der Ansatz, die Ziele bei der Erstellung eines Geschmackserlebnisses mit den Begriffen „Harmonie“ und „Tiefe“ zu beschreiben, dem Gegenstand angemessener sein könnte.

Zu diesem Zweck möchte ich zwei Argumentationsstrategien verfolgen: Erstens werde ich darlegen, dass die vier Begriffe eher schwammig und unpräzise sind; zweitens, dass sie bestimmte Sachverhalte, die zu beschreiben sie vorgeben, nicht richtig treffen bzw. dass ihr Umfang wichtige Aspekte überhaupt nicht abdeckt.

Unpräzise Begriffe

Gehen wir die Begriffe also zunächst nacheinander durch und prüfen deren Verständlichkeit und Präzision.

So wird z.B. das Kriterium der Klarheit um so unklarer, je genauer man es betrachtet. Was soll denn als „natürlicher“ und „unverfälschter“ Geschmack gelten? Ist der Geschmack einer Karotte, als Ergebnis von tausend Jahren Zuchtbemühungen, „natürlicher“ als, sagen wir, der Geschmack einer Tafel Schokolade, die ein Chokolatier mit Sorgfalt aus einzelnen Komponenten kreiert hat (das Kriterium der „Natürlichkeit“ ist ohnehin ein eher fragwürdiges, wie in einem anderen Beitrag schon argumentiert wurde)? Oder ist der Geschmack „unverfälschter“? Und ist der natürliche und unverfälschte Geschmack einer Karotte besser als wenn ein Koch den Geschmacksraum mit der Zugabe von Orangenzesten verändert? Warum?

Ich habe den Verdacht, dass die Wahrnehmung von Klarheit hauptsächlich auf Gewohnheit beruht. Wir kennen den Geschmack der Karotte besonders gut und finden den Geschmack besonders klar, wenn er so ist, wie wir ihn kennen. Aber der Karottengeschmack setzt sich natürlich aus einigen Geschmacksrichtungen und einer großen Menge an Aromen zusammen. Was also wird „unklarer“ wenn wir den Geschmacksraum verändern?

Das Kriterium wird auch nicht deutlicher durch den Hinweis, dass es ja nur eines unter mehreren ist und alle zusammen gedacht werden müssen. Nehmen wir das Kriterium der Intensität. Verändern wir den Geschmacksraum einer Karotte durch die Beigabe von Orangenzesten, treten die fruchtigen Aromen der Karotte in den Vordergrund und werden intensiver. Andere Aromen werden gedämpft. Gibt ein Chokolatier zu einem bestimmten Kakao eine Nuss hinzu, werden andere Aromen betont, als wenn er z.B. einen Fruchtlikör mit dem gleichen Kakao verarbeitet. Sind damit die Kriterien von Klarheit und Intensität erfüllt oder nicht?

Die pauschale Forderung nach Intensität stellt sich also als Missverständnis heraus. Es macht ja gerade die Kunst des Kochens aus, an bestimmten Stellen die Intensität zu steigern oder auch zu mindern, je nachdem, welcher Zweck verfolgt wird.

Das Kriterium der Balance hilft hier auch nicht weiter. Besagt es, dass eine bestimmte Geschmackskomponente oder bestimmte Aromen, nicht dominieren sollen? Wenn aber eine Karotte intensiv nach Karotte schmeckt, dominiert dann nicht der Karottengeschmack? Oder soll es heißen, dass der Karottengeschmack innerhalb eines komponierten Geschmackserlebnisses nicht dominieren soll – wenn man die Karotte z.B. mit Pastinake und Petersilie kombiniert. Nun kreiert man bei dieser Kombination ein harmonisches Geschmackserlebnis besonders leicht dann, wenn die Karotte dominiert und sie von Pastinake und Petersilie nur unterstützt wird. Wollen wir also sagen, dass diese unterstützende Funktion die Balance an dieser Stelle ausmacht? Damit schlössen wir aber Geschmackserlebnisse aus, bei denen Pastinake und Karotte gleichberechtigt zusammengestellt werden. Auch das kann harmonisch sein – es ist eben nur ein anderes Geschmackserlebnis als das, bei dem die Karotte dominiert.

Vielleicht ist die Forderung nach Balance bei genauer Betrachtung nichts als die doch eher triviale Feststellung, dass eine Speise nicht versalzen sein sollte, nicht verpfeffert oder vermuskatet etc.

Wenigstens das Kriterium der Komplexität scheint doch deutlich zu sein. Es bezeichnet das Ziel, möglichst viele Komponenten zu verwenden, um ein Geschmackserlebnis interessant zu machen – solange dabei nicht die anderen Kriterien vernachlässigt werden. Aber auch hier wird bei genauerer Betrachtung immer undeutlicher, was gemeint ist. Gilt z.B. eine gedünstete Karotte, deren Geschmack nur mit etwas Butter und Salz hervorgehoben wurde, als komplexes Geschmackserlebnis (s.u.)? Immerhin hat man in diesem Gericht alle Geschmacksrichtungen und die hunderte von Aromen, die den Karottengeschmack ausmachen, zu einem Geschmackserlebnis vereint. Oder ergibt erst die Kombination dieser Karotte z.B. mit einem Filetsteak und Petersilienkartoffeln ein komplexes Geschmackserlebnis? Oder ist letzteres gar nicht komplex, sondern einfach, weil nur drei oder vier Komponenten verarbeitet wurden?

Man sieht, je genauer man die Begriffe betrachtet, umso weniger wird deutlich, was genau mit ihnen gemeint ist.

Das Gedankenexperiment

Aber selbst wenn wir einfach einmal annehmen, wir wüssten genau, was gemeint ist, können wir feststellen, dass die vier Begriffe nicht in der Lage sind, befriedigend zu beschreiben, was bei der Kreation eines Geschmackserlebnisses beachtet werden sollte.

Machen wir zu diesem Zweck ein kleines Gedankenexperiment, das Sie aber auch einfach in die Praxis umsetzen können:

Man nehme einige gute Bio-Karotten, die Sie sich jetzt vorstellen – oder auf Ihrem lokalen Wochenmarkt erwerben können. Diese Karotten schälen Sie. Wir möchten den Erdgeschmack, den die Karottenschale mitbringt, in diesem Experiment zunächst vermeiden. Aus den Schalen können Sie in der Praxis z.B. noch eine Brühe ansetzen, in unserem Gedankenexperiment können sie ressourcenschonend ignoriert werden.

Schneiden Sie die Karotten jetzt in etwa 0,5 cm dicke Scheiben und geben diese in einen kleinen Topf, so dass eine gewisse Füllhöhe erreicht wird (ist nur der Boden leicht bedeckt, würde in diesem Gedankenexperiment die Flüssigkeit zu schnell verdunsten). Geben Sie jetzt eine gute Prise Salz zu den Karotten, mengen sie durch, geben einen passenden Deckel auf den Topf und gehen eine Tasse Tee trinken. Wenn Sie nach etwa einer viertel Stunde zurückkommen, hat das Salz bereits etwas Flüssigkeit gezogen, mit der wir jetzt arbeiten können. Stellen Sie den Topf bei kleiner Flamme auf den Herd. Wichtig dabei, dass der Deckel auf dem Topf ist und den entstehenden Dampf im Topf hält. Entsteht kein Dampf, muss die Hitze etwas gesteigert werden. Die Karotten sollten hin und wieder bewegt werden. Am besten, indem man den Topf schüttelt, dann muss der Deckel nicht entfernt werden. Aber es ist auch keine Katastrophe, wenn mit dem Kochlöffel gearbeitet wird. Und sollten die Karotten die Neigung zeigen, am Topfboden anzubrenne, können Sie auch einen Schluck Wasser hinzufügen. Es bleibt Ihnen überlassen, was genau Sie sich vorstellen.

Nach einer viertel Stunde sind die Karotten al dente gegart. Geben Sie zur Unterstützung des Geschmacks ein wenig Butter dazu, rühren um und probieren. Was Sie jetzt schmecken, ist ein klarer und unverfälschter Karottengeschmack. Nichts ist im Kochwasser ausgelaugt, keine Beimischung beeinflusst den Geschmacksraum und das Potenzial des Geschmacksraums wurde durch Salz- und Butterbeigaben voll zur Geltung gebracht.

Die Vorgaben der Klarheit, Intensität und Balance scheinen mir an dieser Stelle optimal erfüllt zu sein. Über die Komplexität des Karottengeschmacks ist oben schon etwas gesagt worden, nämlich, dass man dem Karottengeschmack durchaus Komplexität attestieren kann – aber sagen wir, wir steigern die Komplexität noch, indem wir für die Zubereitung ungeschälte, nur gebürstete Karotten verwenden und eine spezielle Gewürzbutter hinzufügen, nämlich „Café de Paris“. Diese Buttermischung gibt es in verschiedenen Varianten, aber immer hat sie sehr viele Zutaten. Fertigmischungen gibt es zu kaufen, aber für unsere Zwecke genügt es, wenn Sie sich ein paar Rezepte im Internet ansehen, um eine Vorstellung zu bekommen. Es ist im Grunde egal – besonders in diesem Gedankenexperiment – ob Sie die Variante mit Worcestersoße bevorzugen, oder die mit Cognac oder gar mit Kaffeepulver, in jedem Fall haben wir deutlich die Komplexität gesteigert. Vielleicht verlieren wir etwas an Klarheit und/oder Intensität, aber das hängt natürlich von der Dosierung ab. Sagen wir, wir nehmen nur so wenig von der Buttermischung, dass Klarheit und Intensität unserer gedünsteten Karotten nicht so stark beeinflusst wird.

Jetzt stellen wir unsere Karottenmischung beiseite und bereiten, wie anfangs beschrieben, neue Karotten zu. Zu diesen neuen gedünsteten Karotten geben wir keine Buttermischung, sondern statt Butter nur etwas Olivenöl, Knoblauch, Ingwer und Zitronenabrieb, die kurz mitdünsten dürfen. Diese Mischung servieren wir zu gebratenen Garnelen, die wir vorher mit etwas Salz, Zitronensaft und Olivenöl mazeriert haben.

Schmecken Sie den Unterschied zur Würzbuttervariante?

Aber wie kann man den Unterschied nun beurteilen, wenn wir auf die Begriffe Klarheit, Intensität, Balance und Komplexität angewiesen sind?

Ich vermute, dass unter Verwendung dieser Begriffe, die Karotten mit der Buttermischung in allen Aspekten besser abschneiden würde:

Wir haben eine deutlich höhere Komplexität, da mehr Geschmackskomponenten involviert sind. Wir haben nach wie vor den klaren und intensiven Karottengeschmack und wir haben, sofern wir bei der Herstellung der Butter und deren Zugabe zu den Karotten nicht falsch dosiert haben, eine gute Balance.

Dagegen ist bei unserem Garnelengericht die Komplexität geringer, da weniger Zutaten verarbeitet wurden.

Die Klarheit des Karottengeschmacks hat unter den intensiven Geschmäckern von Ingwer, Knoblauch und Zitronenschale sicher deutlich gelitten.

Auch die Intensität ist gedämpft, denn gerade Ingwer und Knoblauch, mit ihrer direkten Präsenz (Ingwer) und Dauer (Knoblauch), hemmen den vollen Karottengeschmack und geben ihm eine andere Geschmacksfarbe. Besonders aber fehlt die Wucht, die mit der Zugabe von Butter erzielt wird. Das Olivenöl ist feiner und zurückhaltender – eben weniger intensiv.

Und die Balance? Nun, ich hoffe, wir haben auch hier nichts deutlich überdosiert, aber in jedem Fall schmecken hier Knoblauch, Ingwer und Zitrone stärker vor, als ein bestimmter Aspekt bei der Buttermischung.

Harmonie und Tiefe revisited

Warum ist es also sinnvoll, das Garnelengericht zu kochen, auch wenn das Buttergericht im Vier-Komponenten-Ansatz bei allen Aspekten besser abschneidet?

Mit Hilfe des Konzeptes der kommunizierenden Geschmacksräume kann diese Frage leicht beantwortet werden: mit der Verwendung von Translatoren (Zitrone, Ingwer, Knoblauch) haben wir disparate Geschmacksräume kommunizieren lassen und dadurch Tiefe erzeugt.

Es leuchtet ein, denke ich, dass mehr Tiefe erzeugt wird, wenn Geschmacksräume verbunden werden, die nur wenige oder gar keine Überschneidungen aufweisen, wie es bei Karotten und Garnelen der Fall ist. Die Herausforderung besteht dann in der Erzeugung von Harmonie oder, anders ausgedrückt, von Kommunikationsanschlüssen zwischen diesen Geschmacksräumen. Dieses Spiel mit Harmonie und Tiefe ist es, was kreatives Kochen ausmacht. Mit dem Vier-Komponenten-Ansatz ist dieser Sachverhalt aber nur schwer darzustellen.

Es kommt hinzu, dass dieser Ansatz mit gegenläufigen Begriffen arbeitet: wer wert auf Komplexität legt, muss beim Aspekt der Klarheit Abstriche machen, gleiches gilt für Intensität vs. Balance. Man macht also immer irgendetwas falsch. Harmonie und Tiefe dagegen sind Zielbeschreibungen, die sich gegenseitig ergänzen.

Übrigens mag es Anwendungsfelder geben, in denen die Begriffe Klarheit, Intensität, Balance und Komplexität durchaus einen hilfreichen Leitfaden abgeben. Die Möglichkeiten dieses Konzeptes scheinen mir aber begrenzt.

Für Neugierige: Ich biete Einführungen in Theorie und Praxis des kreativen Kochens an. Angebote finden Sie über die Seite „Kurse und Events„.

 

 

 

 

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