KI und Kulinarik – Geschmackserlebnis per Algorithmus?

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

der digitale Fortschritt in Richtung künstliche Intelligenz (KI) verändert unser Leben in allen Bereichen – auch unser kulinarisches Leben.

Das macht Sorge. Manch besorgter Bürger prophezeit schon den Untergang der Menschheit, zumindest aber deren Assimilierung in eine von Maschinen bestimmte, rein digitale Gesellschaft.

Die Sorge vor künstlicher Intelligenz, die irgendwie die Macht übernimmt oder sonstwie dem Menschen dazwischenfunkt, ist schon ziemlich lange als kulturelles Mem präsent. Man denke an den Supercomputer HAL aus Clarkes/Kubricks „2001“ – immerhin schon von 1968. Oder James Camerons „Terminator“ aus dem Jahr 1984. Von „IRobot“ (2002) ganz zu schweigen.

Technologische Sprünge

Und die Technologie wird ja auch wirklich immer leistungsfähiger. „Wer befürchtet, dass die Maschinen kurz vor der Machtübernahme stehen, sollte keinen Spaziergang im Südhafen machen“, schrieb Peter Hoeg in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ bereits 1992. Gemeint ist der Kopenhagener Hafen – nicht gerade ein Hotspot der Handelsschiffahrt – wo schon zu dieser Zeit die meisten Arbeiten von Maschinen erledigt wurden. Seit 2002 kann man in Hamburg den HHLA Container Terminal in Altenwerder bewundern, der quasi ohne Menschen auskommt.

Aber auch das ist ja erst der Anfang. Inzwischen wird tatsächlich an künstlicher Intelligenz gebastelt, die so lernfähig ist, dass sie sich eigenständig auch auf solche Situationen einstellen kann, auf die sie vorher garnicht programmiert worden ist. Selbstfahrende Autos sind auf diese Technologie angewiesen, und die Auguren der Branche teilen uns mit, dass solche Systeme schon in wenigen Jahren marktreif sein werden.

Und die Firma „DeepMind“ produziert bereits eine Software, die eigenständig ein Spiel wie Schach lernen kann und anschließend jedem menschlichen Spieler überlegen ist.

Chef Watson kocht kognitiv

Einer der großen Akteure bei der Entwicklung und Vermarktung selbstlernender künstlicher Intelligenz ist die Firma IBM mit ihrem Computerprogramm namens „Watson“. Für verschiedene Branchen kann Watson komplexe Datenanalysen betreiben, zu der bisher nur der Mensch fähig war – etwa im medizinischen Bereich oder bei der Analyse von Gesetzestexten.

Ein weiterer dieser Bereiche ist die Kulinarik. Mit der Anwendung „Chef Watson„, bietet IBM etwas an, was sie „cognitive cooking“ nennen.

Die Ergebnisse sind spannend. Man kann z.B. die Lebensmittel, die man zufällig gerade im Kühlschrank hat eingeben und Watson errechnet nicht nur, wie gut diese zusammenpassen, sondern macht auch passende Rezeptvorschläge. Diese Vorschläge kann man über die Menüpunkte „choose a dish“ und „pick a style“ beeinflussen. Hier kann man herausfinden, ob sich die eingegebenen Lebensmittel  beispielsweise zu einem Borschtsch oder einer Bloody Mary verarbeiten (choose a dish) oder sich etwa auf nordafrikanische oder südchinesische Weise zubereiten lassen (pick a style).

Watson nutzt für diese Vorschläge Daten über Aromenpairing oder Foodpairing sowie eine riesige Rezeptdatenbank (die entsprechenden Mechanismen habe ich in diesem Beitrag angedeutet). Die heuristische Herangehensweise des Programms erlaubt es ihm dabei, nicht nur fertige Rezepte aus der Datenbank zu präsentieren, in denen zufällig die geforderten Lebensmittel oder Stile aufgeführt sind. Watson kann Rezepte wenn nötig auch abwandeln, um den Vorgaben zu entsprechen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: dieser Beitrag soll keine Werbung für die „Chef Watson“-Anwendung sein. Als gelernter Koch oder auch als erfahrener Hobbykoch ist man dem Programm nach wie vor überlegen. Und gerade auf die vom Programm eigenständig abgewandelten Rezepten sollte man mit der gebotenen Umsicht reagieren. Nicht umsonst taucht unter solchen Rezepten immer der Satz auf „these quantities are ideas, but Chef Watson really needs you to use your own creativity and judgment“. Und diese Warnung gilt nicht nur für die Mengenangaben – auch bei den Zutaten und den Verarbeitungsschritten kann Watson ziemlich weit daneben liegen.

Kulinarische Zukunft

Aber klar ist: das ist die Zukunft. Man wird, wenn man auf dem Weg von der Arbeit noch schnell fürs Abendessen einkaufen möchte, auf seinem Smartphone (oder wie immer es in dieser Zukunft heißen mag) ablesen können, was die Kühl- und Vorratsschränke zuhause bereits enthalten, was man damit mit welchem Aufwand an Zeit und Geschick zubereiten könnte, welche Zutaten man eventuell noch braucht und in welchem Laden oder Onlineshop diese zu welchem Zeitpunkt erhältlich sind.

Ich finde das hilfreich.

Nun muss man kein Anhänger von Dystopien im Stile von „IRobot“ sein, um dieser Entwicklung auch mit einigem Misstrauen zu begegnen: Was passiert mit der kulinarischen Vielfalt, wenn nicht mehr von Menschen erdachte Rezepte die Basis der Datenbank bilden, wie es jetzt noch der Fall ist, sondern solche, die bestimmte Algorithmen aus dem gemessenen Nutzerverhalten generieren?

Was geschieht mit den allgemeinen kulinarischen Fähigkeiten, wenn hauptsächlich Rezepte nachgefragt werden, die mehr oder weniger eigenständig von Maschinen wie dem Thermomix ausgeführt werden können? Geht da eine ganze Kulturtechnik den Bach runter?

Wird in Zukunft die gesamte Nahrungsmittelkette, von der Produktionsentscheidung, über die Produktion, den Groß- und Einzelhandel bis hin zum Endverbraucher von Computern bestimmt werden – vielleicht nach rein bertriebswirtschaftlichen Kriterien?

Und so weiter.

Mit anderen Worten: ist die kulinarische Selbstbestimmung gefährdet?

Qualia und andere Tiere

Um zu begründen, warum die Antwort auf diese Frage ein klares „Nein“ ist, muss man etwas ausholen. Es hat etwas mit einem Phänomen des (menschlichen) Bewusstseins zu tun.

In den Aufsätzen „Epiphenomenal Qualia“ von 1982 und dann in dem Aufsatz „What Mary didn’t Know“ von 1986 veranschaulicht Frank Jackson dieses Phänomen sehr anschaulich folgendermaßen: Man stelle sich die Wissenschaftlerin Mary vor, die in einer rein schwarz-weißen Umgebung aufwächst, lernt und forscht. Am Ende weiß sie alles, was es an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu wissen gibt und hat auch alles davon verstanden. Weiß sie dadurch aber alles, was es über die Welt zu wissen gibt? Kann sie garnichts mehr dazulernen? Doch sie kann. Man muss ihr nur einen Farbfernseher hinstellen. Darauf sieht sie dann vielleicht den blauen Himmel, das grüne Gras oder einfach nur ein buntes Testbild. Was sie dadurch dazulernt, hat nichts mit den physikalischen Eigenschaften der Farben zu tun – sie wird ohne Probleme die entsprechenden Wellenlängen zuordnen können. Aber sie lernt dazu, wie es ist, wenn man eine Farbe sieht. Das hat auch nichts damit zu tun, wie es sich anfühlt, eine Farbe zu sehen. Dass wir rot oder blau wahrnehmen ist ein völlig gefühlsunabhängiger Fakt, genau wie die Wellenlänge von rot oder blau – aber eben ein ganz anderer als die Wellenlänge.

Bereits 1974 macht Thomas Nagel in seinem Aufsatz „What is it like to be a bat“ einen ähnlichen Punkt mit Hilfe eines Fledermausbeispiels: Eine Fledermaus hat ein eigenes Wahrnehmungsorgan zur Echo-Ortung. Sie sendet Schallwellen aus, wertet die Echos aus, die sie empfängt und kann sich so im Raum orientieren. Eine solche Echo-Ortung auf der physikalischen Ebene zu verstehen, sogar sie nachzubauen, ist für den Menschen kein Problem. Ein Mensch wird aber nie wissen, wie es für eine Fledermaus ist, Echo-Ortung zu betreiben, wie sie also die Echos wahrnimmt – auch wenn klar ist, welche Mechanismen sie nutzt, die Echos zu empfangen und zu verarbeiten.

Schon Nagel macht deutlich, dass die meisten Versuche, diese Phänomene – auch Qualia genannt – zu erklären, sehr deutlich scheitern („current discussions of the problem […] get it obviously wrong“). Es würden einfach die falschen Fragen beantwortet und damit das Thema verfehlt.

David J. Chalmers beschreibt in seinem Buch „The Character of Consciousness“ von 2010 die Mechanismen, die dazu führen, dass dieses Phänomen der Qualia – er nennt es „the problem of experience“: das „Erfahrungsproblem“ – nicht angemessen behandelt wird. Sie würden nämlich, so Chalmers, nur umgangen: „It is common to see a paper on consciousness begin with an invocation of the mystery of consciousness, noting the strange intangibility and ineffability of subjectivity and worrying that so far we have no theory of the phenomenon. Here, the topic is clearly […] the problem of experience. In the second half of the paper, the tone becomes more optimistic, and the author’s own theory of consciousness is outlined. Upon examination, this theory turns out to be a theory of […] more straightforward phenomena. […] The reader is left feeling like the victim of a bait-and-switch.“

Denn, so Chalmers, was die jeweiligen Autoren in ihren Artikeln behandeln, sind die „einfachen“ Probleme des Bewusstseins: „The easy problems of consciousness are those that seem directly susceptible to the standard methods of cognitive science, whereby a phenomenon is explained in terms of computational or neural mechanisms.“  Und er fügt hinzu: „The hard problems are those that seem to resist those methods.“ Letzteres, die „schwierigen“ Probleme, sind eben die Qualia-Probleme, die schon von Nagel und Jackson thematisiert wurden.

Geschmackserlebnisse

Und an dieser Stelle können wir den Bogen schlagen zurück zur Frage der Übergriffigkeit künstlicher Intelligenz. Denn die „einfachen“ Erklärungen des Bewusstseins (Chalmers: „Of course, ‚easy‘ is a relative term. Getting the details right will probably take a century or two…“) sind der Logik der Computerintelligenz nachgebildet.

Und so kann die künstliche Intelligenz eben auch nur die Bewusstseinsphänomene und die entsprechende Informationsverarbeitung ersetzen, die die „einfachen“ Probleme des Bewusstseins ausmachen. Probleme, die sich mit großen Datenmengen, schneller Datenverarbeitung und komplexen Algorithmen lösen lassen.

Geschmackserlebnisse bestehen aber aus einem Bündel von Qualia-Phänomenen: die Wahrnehmung von Aromen und Geschmacksrichtungen; trigeminale Wahrnehmungen wie die Schärfe einer Chili oder das Adstringierende des Barrique; Wahrnehmungen von Farbe und Textur. All das wird durch eine Syntheseleistung des Gehirns zu einem Geschmackserlebnis geformt, bei dem es nicht darum geht, welche Nervenleitung oder Gehirnregion aktiviert wird. Bei der Wahrnehmung eines Geschmackserlebnisses geht darum, wie es ist, dieses Geschmackserlebnis zu haben.

Hinzu kommt der direkte, der priveligierte Zugang zu den Qualiaphänomenen aus der Innenperspektive: Nervenzellen und Hirnregionen kann man von außen vermessen und weiß im Anschluss besser als der Proband, was davon zu welchem Zeitpunkt aktiv war. Bei Qualia-Phänomenen hat immer der das letzte Wort, der das Erlebnis tatsächlich selbst hatte.

Jemanden der den Geschmack von Himbeere wahrnimmt oder blaue Farbe sieht, wird man nicht durch die Vermessung von Hirnströmen korrigieren können. Ein Hirnforscher, der bei zehntausend Probanden die Korrelation zwischen einer bestimmten Hirnaktivität und Kiwigeschmack festgestellt hat, kann von dem zehntausendundersten Probanden mitgeteilt bekommen, dass dieser bei derselben Hirnaktivität Himbeere schmeckt. Und dieser Hirnforscher wird dann nicht zum Schluss kommen können, dass dieser Proband in Wirklichkeit doch Kiwi geschmeckt hat, sondern dass die gemessene Hirnaktivität eben auch mit Himbeergeschmack korrelieren kann. Wie gesagt: bei Qualia haben immer die Menschen das letzte Wort, nie die Maschinen.

Resilienzfaktoren

Und deshalb werden kulinarische Fragen nicht vollständig an Maschinen delegiert werden können. Wenn ein Computer aufgrund von internen Prozessen seiner künstlichen Intelligenz zu dem Schluss kommt, diese Geschmackskombination führe zu einem interessanten Geschmackserlebnis, jene aber nicht, so kann man das problemlos überprüfen und korrigieren. Hier ist der Mensch der Maßstab und der Computer wird ihm nie überlegen sein.

Bequemlichkeiten und Marktmechanismen nehmen jetzt schon Einfluss auf unsere Konsumgewohnheiten. Große Lebensmittelfirmen produzieren für einen durchschnittlichen Massengeschmack, selektieren nach Kriterien wie Transport- und Lagerfähigkeit und natürlich den Produktions- und Arbeitskosten. Und wir greifen zu, weil es schnell und günstig und bequem ist.

Aber es gibt Gegenbewegungen. Große Organisationen wie Slow Food oder kleine Restaurants wie das SoSein in Heroldsberg sind auf der Suche nach dem besonderen Geschmackserlebnis außerhalb des Mainstreams – und befriedigen damit eine große Nachfrage. Neue Brauereien bringen Aromen in ihre Biere, die in der Massenware eines Biergiganten wie Anheuser-Busch InBev (z.B. Becks) nicht zu finden sind. Bäcker setzen wieder ihren eigenen Sauerteig an, obwohl fertige Backmischungen billiger sind und einfacher zu verarbeiten. Hier sind starke kulinarische Resilienzen am Werk.

Und das wird sich angesichts der Ausbreitung künstlicher Intelligenz kaum ändern. Geschmackserlebnisse sind menschliche Erlebnisse und die wird sich der Mensch nicht nehmen lassen. Oder, um es technisch auszudrücken: die Menschen werden sich auf Dauer einer Assimilierung mit maschinellen Systemen verweigern, schon aufgrund von Kompatibilitätsproblemen der jeweiligen Kognitionssysteme.

Fazit

Weil sie auf direkte Erlebnisse von Qualiaphänomenen aufbaut, die für Computer nicht zugänglich sind, unterscheidet sich die Kulinarik von anderen Kommunikationskontexten. Etwa von Informationen über Politik oder Wissenschaft, bei denen ich mich lebenslang in einer maschinengestalteten Filterblase bewegen kann, ohne etwas zu vermissen. Oder vom maschinengesteuerten Banking, das eine derart komplizierte maschinelle Eigenlogik entwickelt, dass selbst Experten nicht mehr durchsteigen und ich mich den Computern einfach ergeben muss.

Die Kulinarik entwickelt da viel stärkere Resilienzen.

Der oben erwähnte besorgte Bürger kann also aufatmen. Auch die digitale Gesellschaft wird eine menschliche bleiben.

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