Regionalität und Vertrauen

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

was kann man noch guten Gewissens essen?, fragt sich der verwirrte Verbraucher und entlastet sich dann, indem er platonische Beziehungen, mal mit diesem Siegel, mal mit jenem Qualitätsversprechen eingeht. Neuerdings setzen viele ihr Vertrauen in Regionalität. Zurecht?

Wenn sich der moderne Mensch die Frage „was tun?“ stellt, sucht er Hilfe bei der Wissenschaft.

Allerdings haben wissenschaftliche Theorien einen großen Vorteil aber auch ein großes Problem. Interessanterweise bestehen Vorteil und Problem der Theorien aus demselben Sachverhalt. Grob gesagt: sie sind falsch.

Durch neue empirische Ergebnisse, neue und überzeugendere theoretische Überlegungen oder ganz neue wissenschaftliche Ansätze werden die Theorien ständig verändert, bis sie runderneuert sind oder an ihren inneren Widersprüchen zugrunde gehen.

Ganze wissenschaftliche Paradigmen – also große Welterklärungsmodelle – gehen diesen Weg, wie z.B. Thomas Kuhn gezeigt hat. Nicht auszuschließen – um mal ein Beispiel zu nennen -, dass in hundert Jahren kein Physiker mehr von „Atomen“, sondern alle nur noch von „Strings“ sprechen.

Diese evolutionäre Dynamik hat die Wissenschaft etwa religiösen Erklärungsmodellen voraus und ist Grundlage ihres rasanten Erfolges. So war z.B. bereits im 16., spätestens im 17. Jh. das heliozentrische Weltbild unter Astronomen als Paradigma fast unumstritten, während die katholische Kirche bis 1822 brauchte, bis sie die positive Erwähnung dieses Weltbildes in ihren Schriften nicht mehr verbot.

Auf der anderen Seite ist die permanente Vorläufigkeit wissenschaftlicher Theorien nur schwer zu ertragen. Öffentlich auftretende Wissenschaftler sprechen zumeist von ihren Theorien, als würden sie Fakten referieren. Und meistens sagen sie nicht dazu, dass sie mit solchen Formulierungen den wissenschaftlichen Diskurs strenggenommen verlassen und nur noch persönliche Überzeugungen äußern.

Auch dem wissenschaftlich Beratenen – etwa einem Politiker oder dem Verbraucher – mag der Gedanke daran, auf welch wackligem Fundament er sich bewegt, Unbehagen bereiten. Als religiöse Dogmen noch zählten, hatten es Politiker und Verbraucher leichter.

Sie werden vielleicht einwenden: aber was ist mit dem heliozentrischen Weltbild? Ist das nicht wahr – und die Kirche hatte bis 1822 objektiv unrecht damit, starrsinnig das geozentrische Weltbild zu verteidigen? Keineswegs. Denn wenn man die Erde einfach als Fixpunkt annimmt – und wer sollte das verbieten -, kreist die Sonne ja tatsächlich um die Erde. Man betrachte nur mal das Modell des dänischen Milliardärs und Starastronomen Tycho Brahe, das er 1588 veröffentlichte (Tychonisches Weltmodell). Man muss schon mit Isaac Newton einen absoluten Raum annehmen, um das Tychonische Modell als falsch darstellen zu können. Eine von Newtons schwächeren Argumentationen, die mit Einstein – noch so ein Paradigmenwechsel – ohnehin obsolet wurde.

Warum hat sich das heliozentrische Weltbild in der Wissenschaft aber so schnell durchgesetzt? Weil dieselben Phänomene (nämlich die beobachtbaren Bewegungen von Himmelskörpern) mit diesem Modell viel einfacher beschrieben und theoretisch erfasst werden konnten. Es ist also der reine Pragmatismus. Und das zurecht – denn wenn wissenschaftliche Theorien ohnehin falsch sind, kann man sie auch gleich danach beurteilen, inwiefern sie das menschliche Handeln und Denken erleichtern – also kurz gesagt nach ihrer Problemlösungskapazität. Und tatsächlich gibt es ja die wissenschaftsphilosophische Strömung des Pragmatismus (und dann des Neopragmatismus, etc.), die eine solche Position vertritt. Ich gebe zu, ich bin ein Anhänger.

Ich unterbreche hier, denn ich sehe vor mir, wie Sie unruhig mit den Füßen scharren, noch einmal einen Blick auf die Überschrift werfen, feststellen, dass sie tatsächlich „Regionalität und Vertrauen“ lautet, und sich fragen, ob hier vielleicht der falsche Text unter der richtigen Überschrift steht. Und Sie teilen den Verdacht der Alice-im-Wunderland Raupe: „it is wrong from beginning to end“.

Auf Ihre unausgesprochene Frage hin werde ich zugeben müssen, dass der Zusammenhang zwischen Text und Überschrift bisher tatsächlich so wenig deutlich wird, dass man nicht einmal von einer Einleitung, eher vielleicht von einer Vorrede sprechen kann.

Und Sie werden denken: „selbst Kant ist bei seiner Vorrede zur zweiten Auflage der ‚Kritik der Reinen Vernunft‘ schneller auf den Punkt gekommen – und der hatte wirklich etwas zu sagen“; oder Sie denken „na gut, nicht jeder ist ein Schiller, der in der  ‚Bürgschaft‘ mit den Zeilen

‚Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande‘

eine Vorrede hinlegen konnte, für die geringere Autoren ganze Kapitel brauchen – aber man kann es auch übertreiben!“

Sie haben natürlich recht – aber ich kann immerhin anführen, dass Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ etwa vier Seiten „Vorrede“ benötigt um darzulegen, dass einem philosophischen Werk im Grunde eine Vorrede ganz unangemessen ist – um dann noch etwa fünfzig Seiten Vorrede folgen zu lassen. Seine kursorische Rationalisierung dieser Vorrede kann kaum darüber hinwegtäuschen (und soll es wahrscheinlich auch nicht), dass es sich dabei in Wirklichkeit um reines Schelling-Bashing handelt. Sollte Sie die unten gelieferte Rationalisierung meiner etwas länglichen Vorrede ebenfalls nicht überzeugen, seien Sie zumindest versichert, dass sie nicht ähnlich sinister motiviert ist – und üben bitte entsprechend Nachsicht!

Weiter kann ich zu meiner Verteidigung anführen, dass alles bisher Gesagte durchaus relevant ist – auch für die folgenden Zeilen, die sich dann wirklich mit Regionalität und Vertrauen beschäftigen. Und dass ich einiges weggelassen habe, was ich eigentlich gerne noch hinzugefügt hätte – z.B. eine Lektüreempfehlung (Pierre Duhems Sauver les Phénomènes. Essai sur la Notion de Théorie Physique de Platon à Galilée von 1908 – auch auf englisch erhältlich: To save the phenomena, an essay on the idea of physical theory from Plato to Galileo. Chicago: University of Chicago Press, 1969. Wegen der Genialität des Textes einerseits und dessen unprätentiöser Verständlichkeit andererseits). Oder die Darlegung, warum die oben dargestellte wissenschaftstheoretische Position nicht in eine skeptizistische Aporie mündet (nämlich diese: der Satz „es gibt keine Wahrheit“ ist entweder wahr – dann ist er offensichtlich falsch, oder er ist falsch – dann ist er auch falsch. Auflösung: die pragmatische Position benötigt die Annahme nicht, dass es keine Wahrheit gibt) – vielleicht mit einem Verweis auf die Duhem-Quine-These. Aber all das erspare ich Ihnen, weil es ja eigentlich nicht zum Thema gehört.

Denn unser Thema ist Regionalität. Das Slow Food Magazin hat in seiner letzten Ausgabe (04/2015) ein Dossier zu regionalen Lebensmitteln veröffentlicht. Dieses Dossier ist die Reaktion auf einen Trend: Verbraucher präferieren zunehmend Lebensmittel regionaler Herkunft.

Es kursiert bereits der Satz „regional ist das neue bio“. Aber ist da etwas dran? Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?

Die CSU möchte neuerdings die bayrische Herkunft eines Lebensmittels mit Bio gleichstellen, wenn es um die Vergabe von Qualitätspunkten geht, die darüber entscheiden, welcher Restaurationsbetreiber eine Zulassung z.B. zum Oktoberfest bekommt.

Allerdings liest man ebenfalls die Nachricht, dass die niederbayrische Firma „Bayern-Ei“, nach der Feststellung massiver Hygiene- und Tierschutzmängel, die Zulassung verliert und deshalb ihre Eier, die ja zweifellos bayrischer Herkunft sind, nicht mehr in den Handel bringen darf. Man kann sich vorstellen, welche legalen und halb-legalen Grenzen die Firma „Bayern-Ei“ schon ausgereizt hat, bevor es zum Verbot kam. Völlig legal – weil sachlich richtig – konnte die Firma zu jedem Zeitpunkt behaupten, Eier aus der Region Bayern zu führen.

Und so sind sich im Slow Food Magazin alle einig – Regionalität allein ist kein Gütekriterium. Im Interview betont Robert Hermanowski, der das regional-Siegel „Regionalfenster“ mitentwickelt hat: „Das Regionalfenster ist kein Siegel für Qualität. […] Wer besondere Qualität will, kauft bio!“ Und er sagt: „…es geht weniger um Regionalität im engeren Sinne, sondern um Authentizität – oder nennen wir es Verantwortung. Regionalität ist nur ein Hilfsbegriff. Ich möchte auf jemanden treffen, der für sein Handeln die Verantwortung übernimmt.“

Ich denke, damit sind die beiden Aspekte angesprochen, bei denen Regionalität wirklich sinnvoll ist.

Das ist einmal im Bio-Bereich. Es ist schon an anderer Stelle in diesem Blog angesprochen worden, dass die Entwicklung des Massenbio gerade die Produzenten in die Enge treibt, die noch nach den ursprünglichen Idealen der Bio-Bewegung produzieren. Verantwortung für die Region, für die Natur aber auch eine soziale Verantwortung spielten eine Rolle – und tun es für viele lokale kleine und mittelständige Unternehmen nach wie vor. Diese Produzenten zu unterstützen indem man gezielt bei ihnen kauft, ist sinnvoll.

Zweitens ist Regionalität dann sinnvoll, wenn man die Produzenten persönlich kennt – z.B. vom lokalen Wochenmarkt oder weil man den Bauernhof besucht hat. Diese Bindung zwischen Produzent und Konsument ist ja nur im regionalen Bereich möglich – und sie schafft Vertrauen.

Und hier fangen die Probleme an. Denn der Regionalbegriff steht, wie das Slow Food Magazin richtig konstatiert, im Grunde für den Wunsch des Verbrauchers nach Strukturen, in denen Vertrauen wieder mehr Gewicht erhält. Er kann diese Strukturen aber keineswegs garantieren. Er verspricht also etwas, das er nicht halten kann. Mittelfristig wird Vertrauen so aber zerstört, was auch Auswirkungen auf die beiden genannten Bereiche – regionales Bio und direkter Kontakt – haben wird, bei denen das Vertrauen in den Regionalitätsbegriff durchaus gerechtfertigt ist.

Was also ist zu tun?

An dieser Stelle möchte ich nun auf meine wissenschaftstheoretische Vorrede zurückkommen. Sie soll nämlich verhindern, dass Sie mir reihenweise von der Fahne gehen, wenn ich jetzt einen Gedanken Niklas Luhmanns einführe.

Denn die Systemtheorie luhmannscher Prägung ist zweifellos überholt und wird nur noch von ein paar unentwegten Bielefeldern ernsthaft vertreten.

Aber, so möchte ich argumentieren, darauf kommt es nicht an. Wenn eine These einen Aha-Effekt auslöst, wenn sie dabei hilft, ein Problem zu verstehen und in den Griff zu kriegen, dann leistet sie alles, was man von einer guten wissenschaftlichen These erwarten kann.

Die These lautet: Macht und Vertrauen sind funktional äquivalente symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien.

Das klingt erstmal nicht sehr eingängig – auch der Aha-Effekt bleibt zunächst aus. Aber die These ist tatsächlich ziemlich einfach. Es geht dabei um das Gelingen von Kommunikation über einen eingeschränkten Kontext hinaus. In unserem Fall sollen Kaufentscheidungen beeinflusst werden, indem der Begriff der Regionalität verwendet und damit Vertrauen vermittelt wird. Da Vertrauen ein Gefühl ist, aber ein Gefühl natürlich nicht in eine Kommunikation (z.B. über Sprache oder Bilder) verpackt werden kann, wird Vertrauen nur symbolisiert (durch das Wort „Regional“, durch das Bild vom glücklichen Schwein etc.). „Generalisiert“ bedeutet, dass der Händler oder Produzent ein Symbol verwenden und davon ausgehen kann, dass es der Kommunikationsempfänger auf die gleiche Weise versteht, wie er es gemeint hat.

Macht kann ebenfalls als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium verstanden werden. Wenn die Macht z.B. durch den Ausdruck „staatlich geprüft“ symbolisiert wird – oder durch ein Bio-Siegel.

Warum aber sollen Macht und Vertrauen funktional äquivalent sein? Nun, beide sind z.B. dazu in der Lage, Kaufentscheidungen zu beeinflussen – und darum geht‘s hier ja.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: staatlich ausgeübte Macht hat eine ziemlich stabile Basis. Zumindest in einem Rechtsstaat europäischer Prägung. Denn es werden ja tatsächlich Lebensmittel aus dem Verkehr gezogen, wenn sie staatlichen Bestimmungen nicht entsprechen. „Bayern-Ei“ ist ein Beispiel.

Vertrauen als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, ist dagegen ständig gefährdet. Wird z.B. die Authentizitätserwartung, die mit dem Regionalitätsbegriff verbunden wird, häufiger nicht erfüllt, verschwindet das Vertrauen und es kann kommunikativ nicht mehr transportiert werden.

Dieser Verfallsprozess lässt sich aufhalten, indem die reine Vertrauenskommunikation auf Machtkommunikation umgestellt wird. Es gibt dafür ein gutes Beispiel – den „Bio“ Begriff. Er kann stabil kommuniziert werden, weil ein staatlich kontrollierter Apparat auf Abweichungen mit Sanktionen reagieren kann.

Es hat beim „Bio“-Begriff eine Weile gedauert, bis er durch gesetzliche Regelungen gestützt wurde. Aber der Begriff der Regionalität wird diesen Weg ebenfalls gehen müssen – oder er wird scheitern. Das Regionalfenster, mit dem ein bestimmtes Einzugsgebiet garantiert wird, einfach zu verstaatlichen, wird dabei nicht weiterhelfen, denn mit dem Regionalitätsbegriff wird ja viel mehr kommuniziert, als eine Kilometerangabe. Es müssen also weitere, kontrollierbare und kontrollierte Standards hinzukommen – und sie müssen von staatlichen Stellen durchgesetzt werden können.

Wie steht es also mit dem Satz: „regional ist das neue bio“? Auf rein deskriptiver Ebene ist er nicht ganz falsch, denn tatsächlich wirken hier funktional äquivalente Mechanismen. Das Vertrauen in den Regionalitätsbegriff und die Kontrolle der Bio-Auszeichnung – beides beeinflusst die Kaufentscheidung in ähnlicher Weise. Bedenkt man allerdings die Fragilität des einen und die Stabilität des anderen Begriffs, kann man den Satz mit guten Gründen anzweifeln.

Völlig unsinnig (oder wie es Robert Hermanowski im erwähnten Interview formuliert: „Das ist Quatsch!“) wird der Satz, wenn man die normative Ebene betrachtet. Die Einhaltung der Werte, für die der Bio-Begriff steht, kann der Regionalitätsbegriff in seiner jetzigen Ausprägung nicht annährend in ähnlicher Weise garantieren.

Die Einsicht in diese drei Vergleichsstufen zwischen Regionalitäts- und Biobegriff zu gewinnen, ist Luhmanns Theorie, mit ihrer ständigen Suche nach funktionalen Äquivalenzen, recht nützlich gewesen. Was will man mehr?

Denn diese Erkenntnis kann man ins Feld führen, wenn z.B. die CSU (aus naheliegenden klientelpolitischen Motiven), weiterhin die Gleichsetzung von Regionalität und Bio betreiben möchte.

Und man kann daraus ableiten was geschehen muss, damit der Regionalitätsbegriff tatsächlich einmal den gleichen Stellenwert verdient, wie der Biobegriff.

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Bio-Lebensmittel

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

neulich wurde ich auf dem Wochenmarkt wieder einmal von einem Passanten darauf hingewiesen, wie absurd die stetige Vermehrung von teuren Bio-Anbietern doch sei.

„Na ja, wer dran glaubt…“ sagte er abschließend und meinte damit wahrscheinlich, dass Bio-Käufer zwar fehlgeleitet aber harmlos sind: „A fool and his money are soon parted.“

Auf solche oder ähnliche Aussagen („ist doch alles Betrug“ oder, noch vager, „da halte ich gar nichts von“), trifft man häufig.

Es scheint mir deshalb sinnvoll, in einem Beitrag einmal ein paar Bio-Fakten zusammenzutragen:

Zunhächst einmal: Bio-Produkte müssen natürlich, wie konventionelle Erzeugnisse auch, die allgemein geltenden Vorschriften des Lebensmittel- und Futtermittelrechts erfüllen und werden im Rahmen der dort vorgesehenen Kontrollmechanismen überprüft.

Soll dann für Produkte zusätzlich eine Öko-Auslobung erfolgen – und das ist verpflichtend, wenn irgendwo die Begriffe „Bio“ oder „Öko“ verwendet werden – muss zusätzlich das nach den EU-Rechts­vorschriften für den ökologischen Landbau vorgesehene Kontrollsystem und -verfahren durchgeführt werden. Entsprechend der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau können die Mitgliedstaaten entscheiden, ob sie das Kontrollver­fahren allein durch staatliche Stellen oder als staatlich überwachtes privates System durchführen wollen. In Deutschland findet die letztgenannte Form Anwendung.

Aufgrund der föderalen Struktur sind in Deutschland 16 Überwachungsbehörden in den Ländern für derzeit 18 am Markt tätige und zugelassene Kontrollstellen zuständig. Die privaten Kontrollstellen überprüfen und überwachen vor Ort die Einhaltung der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau. Zwischen dem kontrollunterworfenen Betrieb bzw. dem Unternehmen und der Kon­trollstelle wird ein Kontrollvertrag geschlossen. Betriebe bzw. Unternehmen verpflichten sich so, die EU-Rechts­vorschriften für den ökologischen Landbau einzuhalten und stimmen dem Standardkontrollprogramm der Kon­trollstelle zu. Landwirtschaftliche Betriebe sowie Verarbeitungs- und Importunternehmen werden mindestens einmal jährlich – bei Bedarf auch öfter – von ihrer Kontrollstelle geprüft. Die Kosten der Kontrolle müssen die überprüften Unternehmen tragen.

Die Inspektion ist vorrangig eine Verfahrenskontrolle, die im Einzelfall durch Elemente der Endproduktkontrolle ergänzt wird. Wie so eine Kontrolle aussieht, wurde auf diesem Blog bereits beschrieben, unter dem Titel „Bio kontrolliert„. Dort wurde auch schon darauf hingewiesen, dass bei der Bio-Kontrolle – übrigens anders als bei den oben erwähnten allgemeinen Kontrollmechanismen – die Beweislast umgekehrt wird. Nicht der Kontrolleur muss einen Verstoß nachweisen sondern der Produzent muss jeden Verdacht widerlegen können – und zwar mit den entsprechenden Nachweisen. Gelingt das nicht, liegt ein begründeter Verdacht vor, der in jedem Fall dazu führt, dass, je nach Produzent, Boden-, Pflanzen-, oder Produktproben genommen und Rückstandsanalysen durchge­führt werden. Das geschieht ohnehin schon risikoorientiert und stichprobenartig.

Die Mindestkontrollanforderungen für landwirtschaftliche Betriebe, Aufbereiter, Lagerhalter, Händler und Einfüh­rer sind in den Artikeln 63 bis 92 der Durchführungsbestimmungen der EU-Rechtsvorschriften für den ökologi­schen Landbau beschrieben.

Erzeuger und Verarbeiter müssen demnach genau angeben, auf welchen Flächen, in welchen Gebäuden und mit welchen Einrichtungen produziert wird. Die Betriebe sind verpflichtet, alle Betriebsmittel und Erzeugnisse, die in die Betriebe hineingehen, auf allen Verarbeitungsstufen genau zu erfassen und zu protokollieren. Alles, was vom Hof oder Betrieb verkauft wird, muss in den Büchern belegt sein – was, wie viel, an wen. So wird die Rückverfol­gung der Öko-Produkte bis zum Erzeuger sichergestellt. Seit Januar 2010 sind darüber hinaus den Kontrollstellen in Deutschland verbindliche detaillierte Maßnahmen der Qualitätssicherung des Öko-Kontrollverfahrens vorgeschrieben (ÖLG-Kontroll­stellen-Zulassungsverordnung, in Kraft getreten am 12. Mai 2012).

Wie erfolgreich die Kontrollen sind, kann man unter anderem folgendem Link entnehmen, der zum Ökomonitoring des Landes Baden-Württemberg führt: http://oekomonitoring.cvuas.de/start.html. Dabei handelt es sich um ein spezielles Untersuchungsprogramm, bei dem Ökoprodukte systematisch überwacht werden. Auf Seite 8 des Berichts von 2013 kann man  nachlesen, dass in den Untersuchungszeiträumen 2009 bis 2013 nur 1-4% der untersuchten Bio-Proben beanstandet wurden. Und diese Beanstandung bedeutet nicht, dass eine allgemeine Obergrenze  – etwa für Pestizidrückstände – nicht eingehalten wurde, sondern nur, dass diese Probe den Anforderungen für Bio-Lebensmittel nicht genügten. Alle diese Verstöße werden natürlich trotzdem den zuständigen Stellen der Lebensmittelüberwachung gemeldet.

Man sieht: Betrug wird den Bio-Produzenten deutlich schwerer gemacht, als den Produzenten konventioneller Lebensmittel. Wer also zu Mißtrauen neigt, wie der Passant auf dem Wochenmarkt, der ist mit Bio-Lebensmitteln besser bedient.

Und sinnvoll ist der Verzehr von Bio-Lebensmitteln allemal. So ist im Ökomonitoring Bericht von 2013 – ebenfalls Seite 8 – zu lesen: „Konventionelles Obst enthielt […] im Mittel 0,32 mg Pflanzenschutzmittelrückstände pro kg
(ohne Oberflächenbehandlungsmittel) und wies somit im
Mittel einen zirka 40-fach höheren Gehalt an Pestiziden
auf als Öko-Obst.“ Eine Verzehrempfehlung für Bio-Lebensmittel, die unmittelbar einleuchtet, wie auf diesem Blog bereits an anderer Stelle argumentiert wurde.
Oder nehmen Sie den Kampf gegen multiresistente Keime. Diese entstehen unter anderem durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. In Bio-Betrieben ist dieser Einsatz verboten.
Etc.
Anders als mein „na ja, wer dran glaubt…“ – Passant vermutete, produzieren und konsumieren wir Bio-Lebensmittel also keineswegs nur deshalb, weil wir eben daran glauben, wie etwa an eine Religion, sondern weil wir der begründeten Überzeugung sind, dass wir und unsere Umwelt damit besser leben.

Und während Überzeugungen dazu in der Lage sind, sich wechselnden Evidenzen anzupassen, neigt der Glaube eher dazu, wechselnde Evidenzen zu ignorieren oder sich zurecht zu biegen.

Vielleicht ist es ja in Wahrheit mein Passant, der einem Glauben anhängt.

Und was die „teuren“ Bio-Lebensmittel angeht: Bei saisonalen und regionalen Produkten sind die Unterschiede gering. Und in Supermärkten bekommt man inzwischen ebenfalls günstiges Bio. Außerdem geht es ja nicht um „alles oder nichts“. Kaufen Sie die Dinge in Bio-Qualität, die Sie sich leisten können – und den Rest eben nicht. Man muss ja keine Religion draus machen – aber aus der Bio-Gegnerschaft auch nicht!

Bio-Käufer

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

wir produzieren und verkaufen zertifizierte Bio-Produkte. Dabei sind wir auf Menschen angewiesen, die bereit sind – also einen Grund dafür sehen – unsere Produkte zu kaufen.

Nun kommen dafür natürlich einige Gründe in Frage, angefangen mit dem gutem Geschmack und der guten Qualität unserer Produkte. Andere mögliche Gründe wurden bereits in dem Beitrag „Warum Bio?“ dargelegt.

Aber wahrscheinlich lauert doch bei den meisten von uns – sowohl von uns Produzenten als auch von den Konsumenten der Bio-Produkte – die vage Hoffnung etwas zu bewirken, was über die individuelle Bedürfnisbefriedigung hinausgeht.

Sinnsprüche wie „Think global, act local“ oder auch Ghandis Evergreen „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“, sind Ausdruck dieser Hoffnung, können aber kaum mehr bieten, als eine vage Heuristik.

Nun sind gesellschaftliche Zusammenhänge im besten Falle unübersichtlich und gut gemeinte Handlungen können ungewollte Folgen zeitigen, die dem individuell angestrebten Ziel sogar entgegenwirken. „The way to hell is paved with good intentions“ bemerkt der Volksmund und beschreibt damit das Spiegelbild des Mandeville-Paradoxes, benannt nach dem niederländisch-britischen Arzt und Sozialtheoretiker Bernard Mandeville, der im Jahr 1714 in seiner Schrift „The Fable of The Bees: or, Private Vices Publick Benefits“ die These vertrat, dass allgemeine Wohlfahrt eben nicht durch individuelles Wohlverhalten sondern im Gegenteil durch Gier und Laster und der Orientierung an der Eigenliebe erreicht würde.

Sehr viel differenzierter (und kapitalismuskritischer) behandelte der britische Philosoph und Nationalökonom Adam Smith das Thema in seiner Schrift „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, erschienen 1776. Spätestens mit dieser Schrift wurde die Erkenntnis, dass individuelle Ziele und globale Auswirkungen einer Handlung zwei völlig verschiedene Dinge sind, zum Allgemeingut.

Der deutsche Philosoph Georg W. F. Hegel baute auf diese Erkenntnis eine ganze Geschichtsphilosophie auf. Es sei „die List der Vernunft“, die die individuellen Leidenschaften nutze, um im Verborgenen die Gesellschaft nach einer „allgemeinen Idee“ fortzuentwickeln.

Smith und Hegel wiederum standen Pate für den historischen Materialismus von Karl Marx, der die modernen Sozialwissenschaften prägte, wie kein anderer.

Problemlos lassen sich all diese Einflüsse bis in die heutige Soziokybernetik oder die Wissenssoziologie hinein verfolgen.

Man tut etwas, aber aufgrund der unübersichtlichen gesellschaftlichen Maschinerie, kommt etwas völlig anderes dabei heraus – diese Erkenntnis hat sich also innerhalb der letzten 300 Jahre durchgesetzt, hat sich durch wechselnde theoretische und empirische Ansätze hindurch hartnäckig gehalten.

Kann der Verbraucher mit gezieltem Konsum also überhaupt etwas bewirken?

Laut einer dpa Meldung (hier gefunden) ist unser Bundeslandwirtschaftsminister Friedrich von der Veränderungs-Macht der Verbraucher überzeugt:

„‚Der Verbraucher bestimmt am Ende, was produziert wird‘, sagte Friedrich am Donnerstag in Berlin. ‚Man muss nur bereit sein, dafür auch den entsprechenden Preis zu bezahlen.‘ Er sei überzeugt, dass Öko-Produkte noch günstiger würden.“

Nun tut man dem Minister sicher nicht unrecht, wenn man seiner Aussage auch eine strategische Intention zurechnet: Er möchte die Botschaft verbreiten, dass die Verantwortung für die landwirtschaftliche Produktion hauptsächlich beim Verbraucher liegt, der Staat deshalb nicht mit zusätzlichen Regelungen eingreifen muss.

Da nach wie vor etwa die Hälfte des EU-Budgets in Landwirtschaftssubventionen fließt, ist eine solche Botschaft natürlich schlicht falsch, darum soll es hier aber zunächst nicht gehen. Dass der Verbraucher mit seiner Kaufentscheidung Einfluss auf Produktionsentscheidungen nimmt, dürfte unbestritten sein: was nicht gekauft wird, wird auch nicht produziert, daran können letztlich auch Subventionen nichts ändern. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Verbraucher für die landwirtschaftliche Produktionsweise tatsächlich verantwortlich ist. Denn dafür muss ein wenn nicht linearer, so doch zumindest für den Verbraucher nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen Konsum und Produktion angenommen werden.

Doch was für einen genauen Beobachter der Umwelt selbstverständlich ist, nämlich dass bestimmte Eingriffe – etwa das Düngen zur landwirtschaftlichen Produktionssteigerung – Auswirkungen an ganz unvermuteter Stelle haben können, die dem eigentlichen Ziel der Maßnahme zuwider laufen – etwa Versauerung des Bodens oder Beschleunigung des Klimawandels – ist eben auch auf gesellschaftlicher Ebene vorzufinden.

Mit seinem Satz „Der Verbraucher bestimmt am Ende, was produziert wird“ ignoriert der Minister die Unübersichtlichkeit sozialer Zusammenhänge. Und wenn er die Überzeugung äußert, dass „Bio-Produkte noch günstiger werden“, scheint er auch nichts als Segnungen für die Verbraucher zu sehen. Beides ist eher naiv:

„Bio“ liegt momentan im Trend, und so sind immer mehr Menschen dazu bereit „die entsprechenden Preise zu zahlen“, wie Umfragen bestätigen: über 50% der Befragten geben an, zumindest gelegentlich Biolebensmittel zu kaufen (Ökobarometer 2013). Damit wird Bio zum Massenmarkt. Und der hat seine eigenen Gesetze: wo mit kleinsten Gewinnmargen gearbeitet wird, muss jeder Spielraum für eine Kostenreduktion genutzt werden. Und die EG-Öko-Basisverordnung bietet gerade bei der Tierhaltung (Artikel 14) jede Menge Spielraum. Wer also vielleicht auch aus tierethischen Überlegungen heraus Biofleisch gekauft hat, hat über Umwege dazu beigetragen, dass tierethische Überlegungen bei der Bio-Produktion in den Hintergrund treten, da aus dem Markt gedrängt wird, wer die erlaubten Spielräume nicht voll ausnutzt. (Die Bremer Bio-Manufaktur verwendet trotzdem nur Fleisch von Betrieben, die zusätzlich durch einen der Bioverbände zertifiziert wurden. Das Produkt wird dadurch natürlich teurer und ungeeignet für den Massenkonsum.)

Der Preisdruck hat weitere Auswirkungen auf die Biobranche und das nicht nur beim Fleisch: Wie bei anderen Massenwaren auch, wird die Produktion in Regionen verlagert, in denen, etwa durch günstigere Arbeitskosten, ein massenmarktkompatibler Preis erzielt werden kann. Heimische Biobauern müssen häufig aufgeben, auf konventionelle Produktion umstellen oder sich spezialisieren.

Übrigens entkommt auch eine Konsumverweigerung der Logik des Marktes nicht: Die Entscheidung, vegetarisch zu leben, ist z.B. eine plausible – und zunehmende – Reaktion auf die Umweltfolgen (und die tierethischen Implikationen) von Massentierhaltung. Nun ist ein entsprechendes Umweltbewusstsein in bestimmten sozialen Milieus stärker beheimatet, als in anderen. Es sind dieselben Milieus, die das Rückgrat des Biokonsums bilden, die mit ihrer Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, die Ausweitung des Biomarktes erst ermöglicht haben und die auch das höherwertige Fleisch der Bio-Verbände wie „Bioland“, „Naturland“ oder „Demeter“ kaufen. Wenn aber in diesen Milieus kein Fleisch mehr gegessen wird, fehlt plötzlich der Markt für hochwertiges Bio-Fleisch, so dass dieses nicht mehr in den Mengen produziert werden kann, die für eine Kostendeckung nötig sind. Betriebe geben auf, das Angebot wird reduziert und die Preise angehoben, so dass der Konsum von solchem Biofleisch das Privileg einer kleinen, zahlungskräftigen Minderheit wird und der Massenmarkt weiter von Fleisch aus umweltschädlicher Qualzucht überschwemmt wird. So vermindert die durchaus sinnvolle Entscheidung für eine vegetarische Ernährung die Chance auf eine weitere Verbreitung von echtem Biofleisch.

Das alles sieht nach einer Zwickmühle aus: Entweder Bio bleibt Nischenprodukt, dann sind die positiven Umweltauswirkungen gering, oder Bio wird Massenprodukt, dann werden alle Spielräume genutzt und ausgerechnet die Anbieter vom Markt verdrängt, die mit höheren Standards arbeiten möchten.

Es scheint eine naheliegende Lösung zu sein, nach der Politik zu rufen, auch wenn der Minister Friedrich es gerne vermeiden würde. Denn setzt die Politik höhere Standards, müssen sich alle dran halten und ein Verdrängungswettbewerb findet nicht mehr statt. Es könnte unter den höheren Standards wieder eine ausreichende Menge produziert werden, um die Preise in erträglichen Dimensionen zu halten.
Leider, um es mit dem Soziokybernetiker Niklas Luhmann zu formulieren, spricht das politische System eine andere Sprache als das der Wirtschaft, die nur „die Sprache der Preise“ versteht. „Das steigert […] die Wahrscheinlichkeit, dass es aus Anlass ökologischer Gefährdungen zu einer gesellschaftsinternen Resonanzverstärkung kommt, die politisch leichte und willkommene Lösungen mit Funktionsstörungen in anderen Systemen verbindet.“ (Die Ökologische Kommunikation, Opladen 1986, S. 226). Wenn man beobachtet, wie die politischen Entscheidungen zur Energiewende zu einem erhöhten Ausstoß an Klimagasen führen, (Energiemenge steigt, Preise sinken, Braunkohlekraftwerke produzieren am billigsten – die Sprache der Preise), weiß man, was Luhmann meinte.
Und wenn Luhmann auf die „Möglichkeit disproportionaler Reaktionen“ hinweist, dann formuliert er nur die 300 Jahre alte Erkenntnis der gesellschaftlichen Komplexität und deren Folgen: „Man kann sie beobachten und analysieren, man kann sie als strukturelle Eigentümlichkeiten der modernen Gesellschaft begreifen und beschreiben; man kann sie aber kaum prognostizieren“ (a.a.O., S. 224).
Allerdings sind seit Luhmanns misstrauischer Analyse der Ökologiebewegung fast 30 Jahre vergangen. Und im Nachhinein ist doch festzustellen, dass längerfristig Veränderungen erreichbar sind, wenn man nur am Ball bleibt. Aus der Vogelperspektive betrachtet kann man nämlich durchaus einige positive Entwicklungen konstatieren:
1. Zwar stagniert aus den genannten Gründen der Flächenzuwachs bei ökologisch bewirtschafteten Flächen in Deutschland seit 2010 bei etwas über 1 Mio. ha (vgl. die Berichte von 2011 und 2013), aber das ist natürlich immer noch sehr viel mehr, als am Beginn der Öko-Bewegung. Gleichzeitig verlagert sich der Zuwachs an Bio-Flächen (nicht nur) ins europäische Ausland.
2. Ökologisches Bewusstsein ist im Mainstream angekommen. Das führt glücklicherweise auch dazu, dass mit ihm mehr Genuss und weniger Grünkern verbunden wird. Übrigens: undenkbar, dass zu dem Zeitpunkt, an dem Luhmann seinen Text verfasste, die CDU über die Förderung von ökologischer Landwirtschaft oder auch über einen Atomausstieg auch nur nachgedacht hätte.
3. Die Abwanderung von Massenbio aus Deutschland bietet hier den Anlass, sich wieder auf den Ursprung zu besinnen. Wissenschaftler sprechen schon von „Bio 3.0“ (nach der Phase der Pioniere: „Bio 1.0“ und der Phase des Drängens auf den Markt: „Bio 2.0“). Regionales und saisonales Bio, Kleinbauern und traditionelle Verarbeitung, Produkte von Bioverbänden, die über das EU-Bio hinausgehen, alle bekommen wieder stärkere Marktchancen. Die Bremer Bio-Manufaktur ist der beste Beweis dafür.
4. Getrieben von der Verbreitung ökologischen Bewusstseins hat sich auch die konventionelle Landwirtschaft verändert. Viele Pestizide und Düngemittel, die zu Beginn der Ökobewegung noch die Umwelt gefährdeten, sind auch für die konventionelle Landwirtschaft verboten worden. Der flächendeckende Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung wird zunehmend problematisiert etc.
Sicher hat Lumann Recht, wenn er feststellt, dass solche Entwicklungen nicht genau zu prognostizieren sind. Man kann sie erst im Nachhinein konstatieren, wenn die Entwicklung zu einer Art Abschluss gekommen ist. Wie Hegel einst bemerkte: „…die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ („Grundlinien der Philosophie des Rechts“ in der „Vorrede“). Aber Hegel, der Philosoph der Vogelperspektive, ist auch der Erfinder der dialektischen Entwicklung des Lebens, das sich in einem ständigen Prozess der „Aufhebens“ befinde, womit er den dreifachen Sinn des Wortes meint, des „Bewahrens“, des „Abschaffens“ und des „Erhöhens“. Man kann diese Bewegung in der Entwicklung des ökologischen Bewusstseins sehr schön nachvollziehen: denn nachdem es (geradezu nach Lehrbuch: im dialektischen Dreischritt der These, Antithese und Synthese) die Phasen 1.0 und 2.0 durchlaufen hat, ist es in der Phase 3.0 auf einer höheren Ebene wieder zu seinen Anfängen zurückgekehrt.
Man muss kein Anhänger Hegels sein, um an der Überzeugung festzuhalten, dass man mit Durchhaltewillen langfristig die Welt verändern kann. Es ist auch keine irrationale Überzeugung, denn die Folgen sind überall zu beobachten.
Und so kann den oben zitierten Sinnsprüchen eben doch eine zentrale Rolle bescheinigt werden, die gerade durch ihre Unkonkretheit für Angriffe eines Luhmannschen Realitätssinnes wenig anfällig sind.
Insofern hat der Minister Friedrich in gewisser Weise doch Recht: Der Verbraucher bestimmt am Ende, was produziert wird. Aber eben nicht nur der Verbraucher. Produzenten und Politiker sind auch beteiligt, sofern sich ihre Entscheidungen, flexibel aber hartnäckig, an der Überzeugung orientieren, dass eine andere Landwirtschaft (Energie- und Bauwirtschaft etc.) nötig und möglich ist.

 

 

Bio und Natur

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Liebe Freunde der Bremer Bio-Manufaktur,

„Natur pur“ oder ähnliches wird in Werbeanzeigen gerne versprochen. Das soll Lebensmittel (Kosmetika, Baustoffe etc.) attraktiver machen. Gerade Bio-Lebensmitteln wird gerne ein hoher Grad an Natürlichkeit zugesprochen. Aber ist das überhaupt sinnvoll? Und wäre ein „natürlicheres“ Produkt auch ein besseres?

Es ist klar, der Naturbegriff ist ebenso ein Produkt unserer Kultur, wie etwa die Wiesen und Wälder, durch die der „Natur“-Freund streift oder die Sitten und Gebräuche der „Natur“-Völker, die der Ethnologe erforscht.

Denn obwohl es im Allgemeinen problemlos verstanden wird, wenn von „Natur“ gesprochen wird, so stellt sich der Begriff als sehr fluide, als kaum greifbar dar, soll er in die festen Formen etwa der Rechtsprechung gezwängt werden. Wie im aktuellen Fall Ritter-Sport gegen die Stiftung Warentest zu besichtigen ist, wo von der Stiftung ein als „natürlich“ deklariertes Vanillearoma beanstandet wurde. Dieses Aroma wurde der Ritter-Sport Schokolade in Form von Piperonal zugeführt, das wiederum aus der Substanz Safrol – gewonnen aus dem Sassafrasbaum – mit Hilfe einer biochemischen Methode hergestellt wurde. Vanille war zu keinem Zeitpunkt im Spiel.

Aber ist das problematisch? Die in Groß Britannien beliebte custard sauce wird heutzutage mit Vanille gemacht, obwohl sie ursprünglich – daher der Name – ein Produkt des custard apples war, eine der Papaya ähnliche Frucht. Wieso sollte es verwerflich sein, jetzt Piperonal statt Vanille zu verwenden, um den gewünschten Geschmack zu erzielen? Oder geht es um die Herstellungsmethode? Wird ein Stoff weniger „natürlich“, wenn er biochemisch bearbeitet wurde? In seinem Essay „On Nature“ macht John Stuart Mill einen entsprechenden Definitionsvorschlag: Natur sei „only what takes place without the agency, or without the voluntary and intentional agency, of man“. Große Teile der Lebensmittelproduktion (z.B. die Produktion von Joghurt oder Wein) würden damit allerdings als unnatürlich gebranntmarkt. Sicher, Vanillegeschmack kann auch ohne große technische Hilfsmittel gewonnen werden. Karamellgeschmack aber ist nur durch das kontrollierte Erhitzen von Zucker zu gewinnen. Macht ihn das unnatürlich?

Werbewirkung entfaltet der Naturbegriff, weil die Natur bei uns inzwischen einen guten Ruf hat, sie wirkt heimelig und gesund. Vielleicht werden deshalb kalte technologische Eingriffe, wie man sie sich unter einer „biochemischen Bearbeitung“ vorstellt, als unnatürlich empfunden. Dieser gute Ruf der Natur scheint aber durch Fakten kaum gestützt zu werden. Noch einmal Mill: „In sober truth, nearly all the things which men are hanged or imprisoned for doing to one another are nature’s every-day performances. Killing, the most criminal act recognised by human laws, Nature does once to every being that lives; and, in a large proportion of cases, after protracted tortures such as only the greatest monsters whom we read of ever purposely inflicted on their living fellow creatures.“ Pesterreger und Borkenkäfer sind nicht unnatürlicher als der Speiseapfel, man könnte sie sogar als natürlicher bezeichnen (zumindest nach Mills obigem Definitionsvorschlag), denn der Speiseapfel hat einen gewissen Grad an Kultivierung und Pflege durch den Menschen durchlaufen. Ohne derartige Eingriffe zur Zähmung der Natur wäre das Leben der Menschen wohl auch „nasty, brutish and short“, um einmal die Attribute zu verwenden, die Thomas Hobbes bezeichnenderweise dem Naturzustand zuschrieb.

Auch der naturnahe und dadurch edle Wilde, den ein Jean-Jacques Rousseau als Vorbild propagierte, darf wohl getrost ins Reich der Legenden verwiesen werden. Als der Philosoph und Ethnologe Claude Lévi-Strauss in den 30ger Jahren des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach dem ursprünglichen, von der westlichen Zivilisation noch unberührten Wilden durch Brasiliens Urwälder zog, traf er u.a. auf ein indigenes Volk, das die Natur, also alles von menschlicher Kunst ungeformte, rundweg ablehnte. Das ging so weit, dass Zeugung, Schwangerschaft und Geburt von Kindern als dégoutant angesehen wurde, Abtreibung und Kindsmord an der Tagesordnung waren und lieber Kinder anderer Stämme geraubt wurden. Auf einer anderen Reise, so schreibt Lévi-Strauss in dem Buch „Traurige Tropen“, begnete er einem Stammeshäuptling, der einen lebenden Raubvogel gefangen hielt, dem er bei Bedarf Federn ausriss – die Insignien seiner Führerschaft – und als alle guten Federn entfernt waren, den lebenden aber wehrlosen Vogel einfach auf dem Boden liegen ließ, wo er von den aggressiven Ameisen des Dschungels langsam zerlegt wurde.

Wie eine Gesellschaft mit „Natur“ umgeht ist also offensichtlich eine Frage der Kultur, nicht der Naturnähe.

Der Naturbegriff scheint also, zumindest in den bisher beschriebenen Zusammenhängen, keineswegs dazu geeignet zu sein, die „Natürlichkeit“ von Lebensmitteln zu bezeichnen, noch die Heimeligkeit und Gesundheit zu repräsentieren, die von der Werbebotschaft erwartet wird.

Warum scheint er dennoch passend? Warum vermittelt der Begriff Vertrauen in Lebensmittel? Mill vermutet eine Denkschwäche: „…the quality called natural is very often confessedly a worse quality than the one contrasted with it; but whenever its being so is not too obvious to be questioned, the idea seems to be entertained that by describing it as natural something has been said amounting to a considerable presumption in its favour.“

Vielleicht aber steckt mehr dahinter als fehlgeleitete Romantik. Ich denke, man kommt mit einer Erklärung weiter, wenn man nicht die Millsche Definition der Natur als unberührte Wildheit übernimmt, sondern eine kulturelle Überformung zulässt. Nach dieser Auffassung kann der Naturbegriff auf kultivierte Natur angewendet werden, nicht jedoch, um es einmal pathetisch auszudrücken, auf vergewaltigte Natur.

Bei Kultivierung „aber kann es sich nur um die Entwicklung zu einer Erscheinung hin handeln, die in den Keimkräften der Persönlichkeit angelegt, als ihr ideeller Plan in ihr gleichsam skizziert ist. […] Ein Gartenobst, das die Arbeit des Gärtners aus einer holzigen und ungenießbaren Baumfrucht gezogen hat, nennen wir kultiviert; oder auch: dieser wilde Baum ist zum Gartenobstbaum kultiviert worden.“ (Georg Simmel: Der Begriff und die Tragödie der Kultur). Übrigens ein Gedanke, der sich bis zu Aristoteles zurückverfolgen lässt, der sein Konzept der „Eudaimonia“ – das Ergebnis einer gelungenen, das angelegte Potential ausschöpfenden Lebensführung – ja ebenso auf menschliches, wie auf nicht-menschliches Leben anwendet.
In diesem Sinne lässt sich sehr wohl ein Zusammenhang zur Bio-Bewegung herstellen, oder auch zur „Slow Food“ Bewegung: Es werden – sozusagen minimal-invasiv – die eher sanften Kulturtechniken genutzt, die der Natur abgeschaut wurden. Ansonsten wird auf die dem Material selbst innewohnenden Entwicklungsmöglichkeiten gesetzt.
Man könnte allerdings einwenden, dass so gefasst der Naturbegriff zwar auf Lebensmittel anwendbar sei, warum das Natürliche allerdings Vorteile haben sollte, im Dunkeln bleibe. Man könnte sogar eine geradezu paradigmatische Instanz des naturalistischen Fehlschlusses vermuten. Dem will ich mit zwei Gedanken begegnen:
Erstens ist es nicht abwegig davon auszugehen, dass der Mensch als Teil der Natur in deren komplexen Abläufe eingebettet, auf sie abgestimmt ist. Das Konzept der Ko-Evolution bietet einen wissenschaftlich Zugang zu diesem Gedanken, aber man ist keineswegs auf dessen Korrektheit angewiesen, noch auf eher esoterische wie das Gaia-Konzept, intelligent design oder deep ecology. Es scheint einfach auf der Hand zu liegen, dass sich in einigen 100 000 Jahren der Erdbewohnung eine gewisse Übereinstimmung entwickelt hat. Und die moderne Medizin ist inzwischen auch wieder zu dem Ergebnis gekommen, dass es z.B. keineswegs dasselbe bedeutet, ob man einen Apfel isst oder die darin enthaltenen Vitamine in Tablettenform zu sich nimmt. Die Form und der Kontext, in der die Vitamine dem Körper zugeführt werden, spielen eine Rolle – und der Körper ist eben auf die Darreichungsform „Apfel“ abgestimmt. Auch die Frage, wie das in der Ritter-Sport Schokolade enthaltene Piperonal gewonnen wurde, scheint im Lichte dieser Überlegung nicht mehr so bedeutungslos zu sein.
Zweitens kann man davon ausgehen, dass eine auch nur annährende Erfassung der Naturkomplexität nicht möglich ist. Wissenschaft z.B. ist dazu völlig ungeeignet, denn sie erfasst nur, was in ihrer systemischen Eigenlogik bereits angelegt ist. Ansonsten wäre wissenschaftlicher Fortschritt nicht denkbar, der ja nur über die Kritik der bestehenden Daten und Theorien zu erzielen ist. Wissenschaft ist ein potenziell unendlicher Prozess, kein bestehendes Überzeugungssystem. Die sokratische Einsicht, nichts zu wissen, ist geradezu die Voraussetzung für einen guten Wissenschaftler. Blieben die Esoteriker, die tatsächlich den Anspruch haben, alles zu verstehen (es gibt auch Wissenschaftsesoteriker). Aber es ist kaum unsinnig, sich solchen Menschen nicht auszuliefern.
Führt man diese beiden Gedanken zusammen, lässt sich durchaus für die sanfte Kultivierung plädieren, die der Naturbegriff impliziert – und damit für das Bio-Konzept, das eben keine Gentechnik und keine synthetischen Dünge- oder Pflanzenschutzmittel zulässt. Was es für Folgen haben kann, wenn man nicht mit der Natur sondern gegen sie arbeitet, kann überall besichtigt werden. Das DDT, das in diesem Blog bereits als Beispiel verwendet wurde (vgl. den Beitrag „Warum Bio?„), ist nur eines unter vielen.
Übrigens soll damit nicht für Fortschrittsfeindlichkeit plädiert werden. Gut möglich, dass sich irgendwann herausstellt, dass ohne grüne Gentechnik die Weltbevölkerung nicht ernährt werden kann. Nur dumme Dogmatiker werden sich dann noch wehren. Aber ein nagendes Misstrauen gegen zu heftige Eingriffe in natürliche Abläufe, das sich in der Vorliebe für „natürliche“ Lebensmittel niederschlägt, ist keineswegs irrational.